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Akademischer Nachwuchs

«Wir schauen hin»

Wie lassen sich Betreuungsverhältnisse fair gestalten, und wie lässt sich Machtmissbrauch an der Universität verhindern? Prorektorin Elisabeth Stark nahm dazu an einer Podiumsveranstaltung im Theaterhaus Gessnerallee Stellung.
David Werner
Podium zur Nachwuchsförderung
Elisabeth Stark, Prorektorin Forschung UZH (Bildmitte) und Mittelbau-Vertreterin Neele Heiser (rechts) diskutieren im Theaterhaus Gessnerallee. Christian Zeier, Redaktionsleiter im Recherche-Team REFLEKT (links) moderierte das Gespräch. (Bild: REFLEKT)

Wer am Anfang der wissenschaftlichen Laufbahn steht, ist auf wohlwollende und kompetente Bezugspersonen angewiesen. Gute Mentor:innen sind wichtig für den Erfolg: Sie vermitteln Wissen und Orientierung, teilen Erfahrungen, geben Feedback und ermöglichen den Zugang zu wissenschaftlichen Netzwerken.

Dass es auch problematische Betreuungsverhältnisse gibt, zeigte ein Podiumsgespräch zum Thema «Machtmissbrauch an Universitäten» im Theaterhaus Gessnerallee. Anlass dafür war eine Publikation mit dem Titel «Die Uni-Protokolle» des Recherche-Teams REFLEKT. Einem öffentlichen Aufruf des Recherche-Teams folgend hatten sich 200 Personen aus zwölf Schweizer Hochschulen gemeldet und über Mobbing, Einschüchterung, Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen oder sexuelle Belästigung berichtet. Viele davon, so die «Uni-Protokolle», hätten sich von ihrer Universität allein gelassen gefühlt, obwohl die Anlaufstellen für Missbrauchsfälle in den vergangenen Jahren ausgebaut wurden.  

Jeder Machtmissbrauch ist einer zu viel

Elisabeth Stark, die als Prorektorin Forschung auch für die Nachwuchsförderung an der UZH zuständig ist, zeigte sich auf dem Podium betroffen. «Jeder Missbrauchsfall ist einer zu viel», sagte sie. Besonders bedenklich sei «das geringe Vertrauen in die Anlauf- und Beratungsstellen, von denen wir glauben, dass sie gut besetzt sind und in denen sich die Menschen wirklich bemühen, zu helfen».

Neele Heiser

Es ist wichtig, über die Arbeitsbedingungen des Mittelbaus zu reden.

Neele Heiser
Vorstandsmitglied von actionuni

Neele Heiser, Assistentin an der Universität Genf, vertrat auf dem Podium actionuni, den Dachverband des akademischen Mittelbaus der Schweiz. Sie unterstrich, dass sich junge Wissenschaftler:innen in Konfliktsituationen häufig schutzlos fühlten. Die Befunde der REFLEKT-Recherche hätten sie nicht überrascht. «In unseren eigenen Umfragen sehen wir, dass psychische Probleme präsent sind und dass es viel Machtmissbrauch gibt.» Deshalb sei es wichtig, «über die Arbeitsbedingungen des Mittelbaus zu reden».

Nachwuchsförderung als Kernaufgabe

Elisabeth Stark betonte, dass die Nachwuchsförderung eine Kernaufgabe der Universität sei und die Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen für die Betreuung von Doktorierenden und Postdocs hohe Priorität habe. Es werde nicht nur diskutiert, sondern auch gehandelt – auf mehreren Ebenen. So habe die UZH mit dem Aufbau von Doktoratsprogrammen und Graduiertenschulen seit den 2010er-Jahren Strukturen geschaffen, die Verantwortung breiter abstützen und damit die Abhängigkeit von einzelnen Betreuungspersonen deutlich reduzieren.

Zudem habe die UZH in den vergangenen Jahren viel in die Entwicklung von Führungskompetenzen investiert. Professor:innen hätten als Mentor:innen und Vorgesetzte eine anspruchsvolle Doppelrolle und trügen damit eine grosse Verantwortung. Die 2022 gegründete Leadership and Governance Academy  bietet Professor:innen und anderen Führungspersonen ein Kursprogramm, das laufend weiterentwickelt wird. 

Schliesslich greifen seit 2024 Reformen, die dem akademischen Mittelbau deutlich mehr «protected time» für die eigene Forschung garantieren, was auch in entsprechenden Rahmenpflichtenheften dokumentiert ist und eingehalten werden muss.

Werben um Vertrauen

Um Doktorierende und Postdocs in Konfliktsituationen zu unterstützen, hat die UZH ein vielfältiges Angebot an Anlauf- und Beratungsstellen aufgebaut. Allerdings bleibt das Angebot im Konfliktfall häufig ungenutzt. Über mögliche Gründe wurde auf dem Podium eingehend diskutiert.

Für Neele Heiser stand mangelndes Vertrauen als Ursache im Vordergrund. Viele Betroffene schätzten ihre Chancen, mit einer Beschwerde Gehör zu finden, als gering ein und fürchteten gleichzeitig Nachteile für ihre weitere Laufbahn. Aus Angst vor negativen Konsequenzen werde Machtmissbrauch häufig gar nicht erst gemeldet.

Elisabeth Stark warb auf dem Podium um Vertrauen in die bestehenden, laufend verbesserten Prozesse. Für alle Anlaufstellen gelte strikte Schweigepflicht, Ratsuchende würden geschützt. 
 

Sicherheit dank klarer Regeln

Klare Regeln sind eine zentrale Voraussetzung für ein verlässliches Arbeitsumfeld. Transparente Prozesse und eindeutig definierte Rechte und Pflichten schaffen Sicherheit. 

Die Richtlinien zur Autorschaft von wissenschaftlichen Publikationen, die im April 2025 an der UZH eingeführt wurden, sind ein Beispiel für eine neue Regelung, die insbesondere auch Doktorierende und Postdocs schützt. Sie stellen sicher, dass ihre intellektuellen Beiträge anerkannt und sichtbar gemacht werden. Sie können sich darauf berufen, wenn sie sich bei Publikationen benachteiligt fühlen. Das Verfahren zur Lösung des Konflikts ist in der Integritätsverordnung der UZH genau festgelegt.

Zu den regulativen Massnahmen gehören auch die seit 2024 geltenden neuen Anstellungsbedingungen  für Doktorierende und Assistierende. Das überarbeitete Rahmenpflichtenheft schafft klare und transparente Bedingungen – insbesondere auch im Hinblick auf die Zeit, die für die eigene Forschung zur Verfügung steht.

Den Verdacht, Universitäten würden bei Missbrauchsfällen wegschauen oder Fehlverhalten folgenlos lassen, wies Stark zurück. «Wir schauen hin», betonte sie. Sie verwies dabei auf das Betreuungsmonitoring, das die UZH 2023 als Führungsinstrument einführte. Es ermöglicht Universitäts- und Fakultätsleitungen, zu erkennen, wo sich problematische Situationen häufen. 

Zudem verfügen die Dekan:innen seit der Governance-Reform über eine klare Vorgesetztenfunktion gegenüber Professor:innen, was der Universität mehr Möglichkeiten verschafft, Machtmissbrauch vorzubeugen und bei Fehlverhalten einzuschreiten.

Wissenschaftskultur im Wandel

Am Schluss der Veranstaltung kam das Publikum im vollbesetzten Saal zu Wort. Die Voten machten spürbar, dass belastende Erfahrungen lange nachwirken. 

Prorektorin Elisabeth Stark antwortete darauf, indem sie das Bild einer Wissenschaftskultur im Wandel beschrieb. «Mein Optimismus rührt daher, dass ich vergleichen kann», sagte sie.

Sie habe am Anfang ihrer Laufbahn selbst erlebt, was Abhängigkeit bedeute. Heute zeige sich in vielen Bereichen ein deutlicher Fortschritt. So bewerteten Doktorierende und Postdocs in der diesjährigen Mitarbeitendenbefragung der UZH Aspekte wie Fairness und Vertrauenskultur im Durchschnitt sehr positiv.

Elisabeth Stark

Mein Optimismus rührt daher, dass ich vergleichen kann.

Elisabeth Stark
Prorektorin Forschung UZH

Nachhaltige Verbesserungen entstünden durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren: klare Regeln und Prozesse, professionelle Führung, verlässliche Anlaufstellen und geeignete Anreizstrukturen gehörten dazu. Wichtig sei auch die wachsende Vielfalt der Kriterien, die heute bei der Leistungsbeurteilung von Wissenschaftler:innen gelten. In Berufungsverfahren etwa zählten nicht mehr nur Publikationszahlen, sondern in zunehmendem Masse ebenso Führungskompetenz, Originalität, Integrität, Teamgeist und Engagement in der Lehre.

Die Nachwuchsförderung gehöre zu den wichtigsten Aufgaben der Universität, sagte Stark – und dieser Stellenwert müsse sichtbar gemacht werden. Ein Beispiel dafür sei der Mentoring Award, mit dem die UZH alle zwei Jahre Personen auszeichnet, die sich in besonderem Mass für die Förderung junger Forschender einsetzen.

Nachwuchsforschende stehen für die Zukunft, und Mentor:innen bereiten sie auf die Zukunft vor – meistens mit grossem Einsatz und hohem Verantwortungsbewusstsein. Beide Seiten, so die Prorektorin, verdienen Wertschätzung und Respekt.