Hochschulen als demokratische Rückversicherung
Am Freitag feierte die Universität Zürich (UZH) auf dem Irchel-Campus Geburtstag. Die Festrede hielt Regierungsrätin Silvia Steiner. Sie nutzte die Gelegenheit, um einerseits aufzuzeigen, wie grosszügig der Kanton die UZH unterstützt – mit einem jährlichen Beitrag von aktuell gut 800 Mio. Franken und grossen Investitionen in die Infrastruktur wie dem Bau des FORUM UZH (597 Mio. Franken) und des PORTAL UZH (660 Mio. Franken).
In ihre Rede unterstrich Steiner aber vor allem, wie wichtig und nützlich die Universität für die Gesellschaft ist. Beispielsweise während der Corona-Pandemie, wo die Wissenschaft eine zentrale Rolle bei der Bewältigung der Gesundheitskrise spielte.
Innovation für Zürich
Der zweite Grund, weshalb die UZH für Zürich wichtig sei, ist laut Steiner die Innovation: «Zahlreiche Ideen, die in der UZH entstehen, kommen der kantonalen Wirtschaft zugute. Und damit uns allen. Über 80 Prozent der UZH-Startups bleiben in Zürich. Das spricht sowohl für die UZH als auch für den Standort Zürich.» Die Regierungsrätin betonte, neue Ideen entstünden oft dort, wo Menschen aus verschiedenen Fachrichtungen zusammenkommen und gemeinsam forschen. Als Beispiele nannte sie den Space Hub in Dübendorf, die Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen (DIZH) und die die Universitäre Medizin Zürich (UMZH).
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Hochschulen wie die UZH tragen dazu bei, dass öffentliche Debatten auf einer soliden Grundlage geführt werden können. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass sie eine demokratische Rückversicherung sind.
Angesichts der massiven Desinformation und des bereits weit verbreiteten Populismus brauche es die Stimme der Wissenschaft in der Gesellschaft heute mehr denn je, betonte Steiner. «Hochschulen wie die UZH tragen dazu bei, dass öffentliche Debatten auf einer soliden Grundlage geführt werden können.» Und die Regierungsrätin fügte hinzu: «Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass Hochschulen wie die UZH eine demokratische Rückversicherung sind.»
Sie freue sich sehr über die grosse Offenheit der UZH, in allen Bereichen zugunsten der Bevölkerung neue Wege zu gehen. Mit dem neuen Hauptgebäude, dem FORUM UZH, das sich derzeit im Bau befindet, öffne sich die Universität auch städtebaulich. «Es entsteht ein Raum für die Öffentlichkeit mitten im Hochschulgebiet. Dieser Platz verbindet Stadt und Universität auf neue Weise. Er macht sichtbar, worauf die UZH gründet: auf ihrer Verankerung in der Gesellschaft.»
Der Rektor und sein vorwitziger Avatar
Rektor Michael Schaepman trat zusammen mit einem KI-Avatar auf, dem sogenannten «PresAIdent». Dieser digitale Zwilling verfügt über die synthetisierte Stimme des Rektors und wurde so trainiert, dass er sich wie Schaepman ausdrückt. Dank des Avatars sei nun sichergestellt, dass in Zukunft die Auftritte des PresAIdenten mindestens verdoppelt werden könnten, scherzte Schaepman. Allerdings ist sein digitales Alter Ego noch etwas ungezogen.
So unterbrach der PresAIdent die Rede von Regierungsrätin Steiner mit der Bemerkung: «Moment mal, Silvia, das ist ja alles schön und gut. Aber was macht der Zürcher Regierungsrat eigentlich für uns als Universität?» Worauf diese antwortete: «Das ist jetzt aber ein Novum, dass mich der UZH-Rektor in meiner Dies-Rede unterbricht! Dass ihr nach 193 Jahren Tradition plötzlich mit so etwas Modernem kommt und der Rektor digital dazwischenfunkt!» Bei den Manieren des PresAIdenten besteht also durchaus noch Verbesserungspotenzial.
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Wir sind uns bewusst, dass KI nicht nur Chancen bringt. Sie verlangt einen verantwortungsvollen Umgang – klare Regeln, Transparenz und eine stetige Prüfung möglicher Risiken.
Trotz des unbestrittenen Unterhaltungswerts des digitalen Zwillings sei die Botschaft, die er damit vermitteln wolle, eine ernsthafte, betonte der Rektor. An der UZH würden solche Systeme bewusst entwickelt und genutzt, um sich mit dem Potenzial und den Risiken von KI auseinanderzusetzen, «denn wir sind uns bewusst, dass KI nicht nur Chancen bringt. Sie verlangt einen verantwortungsvollen Umgang – klare Regeln, Transparenz und eine stetige Prüfung möglicher Risiken.»
Schaepman widmete sich in seiner Rede drei Themen, die für das Selbstverständnis und die Weiterentwicklung der UZH von zentraler Bedeutung sind: Neugierde, Netzwerke und Interdisziplinarität. Neugierde bedeute, über das eigene Fachgebiet hinauszudenken, Risiken einzugehen und neue Grenzen auszuloten: Die Netzwerke der UZH werden ständig ausgebaut und verstärkt. Im vergangenen Jahr hat sie in drei wichtigen Netzwerken führende Positionen eingenommen – bei Una Europa, der League of European Research Universities (LERU) und bei Universitas 21, wo der scheidende Prorektor Christian Schwarzenegger für die strategische Entwicklung der 31 Partneruniversitäten zuständig sein wird.
Die Interdisziplinarität als drittes zentrales Anliegen der UZH sei kein modischer Trend, sondern der Kern der Bedeutung von «Universitas», sagte der Rektor: «Eine gute Mischung von hochspezialisierten und ganzheitlich denkenden Forschenden stärkt die Resilienz der Universität für die Zukunft.» Für diese Zukunft sei die UZH bestens gewappnet, betonte Schaepman: «Mit neugierigen Köpfen, starken Netzwerken und interdisziplinärer Forschung, Lehre und Dienstleistung.»
Nicht enden wie die Dinosaurier
Zu den Traditionen des Dies gehört die Standesrede. In diesem Jahr wurde sie gehalten von der Co-Präsidentin und dem Co-Präsidenten der Vereinigung der fortgeschrittenen Forschenden und Lehrenden (VFFL), Valerie Treyer und Jan Helbing. Sie wiesen darauf hin, wie wichtig und belebend ihr Stand, der sich aus Forschenden, Lehrenden, Privatdozierenden und Titularprofessor:innen zusammensetzt, für die UZH sei. Und sie stellten die Frage, ob es künftig noch genügend Mittel für den akademischen Mittelbau gebe, um eigenständige Forschungsprojekte zu realisieren.
Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) lasse bereits heute nur noch ein individuelles Forschungsprojekt pro Gesuchsteller:in zu, und das bei «stagnierendem Budget und steigenden Kosten», wie Jan Helbing kritisierte. Qualifizierte Forschende und Lehrende stiessen mitunter auf Rahmenbedingungen, die sie einschränkten, wie etwa zu kurze Anstellungsdauer oder überholte Abhängigkeiten.
In diesem Zusammenhang stelle sich die Frage, wie sich die UZH weiterentwickeln könne, um das vorhandene Potenzial noch besser zu entfalten. «Viele FFL beweisen schon sehr lange, dass erfolgreiche Lehre und Forschung auch ohne traditionelle Professur möglich sind», sagte Helbing. Treyer fügte hinzu, fortgeschrittene Forschende und Lehrende bräuchten die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. «Wir wollen uns anpassen können, wir wollen gestalten, und wir wollen uns weiterbewegen – um nicht zu enden wie die Dinosaurier.»
«And the winner is …»
Spannend machte es Vizerektorin Gabriele Siegert bei der Verleihung des Lehrpreises 2026, des «UZH Award for Best Teaching», der zum 20. Mal verliehen wurde. Nach dem Vorbild der Oscar-Verleihung wurden die drei Nominierten – der Rechtswissenschaftler Lorenz Droese, die Politikwissenschaftlerin Stefanie Walter und der Ökonom Benjamin Wilding – in kurzen Einspielern vorgestellt.
Anschliessend zauberte Gabriele Siegert den Namen des Gewinners aus einem goldenen Umschlag: Benjamin Wilding. Der Dozent am Department of Finance der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät wurde für seine gut strukturierte, praxisnahe und interaktive Lehre ausgezeichnet und erhielt das Preisgeld von 10’000 Franken. Die beiden Zweitplatzierten erhielten je 5’000 Franken.
Ehrendoktorwürden und weitere Preise
Neben dem Lehrpreis wurden zahlreiche weitere Auszeichnungen verliehen. Die wichtigsten sind die Ehrendoktorwürden. In diesem Jahr wurden sieben Personen aus Wissenschaft und Kultur ausgezeichnet, darunter die belarussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und der Schweizer Schriftsteller Klaus Merz.
Die neuen Ehrendoktorinnen und -doktoren sind auf der Webseite des Dies academicus porträtiert. Dort finden sich auch die Preisträger:innen der Jahrespreise, des Team-Effort-Preises 2025, und weiterer Preise.
Harter Wettbewerb um Drittmittel
Den Abschluss der Feier bildete der UZH-Talk. Im Gespräch mit Moderatorin Tanja König erläuterte der Direktor Finanzen der UZH Daniel Hug, wie sich die UZH finanziert und wo die grössten Herausforderungen liegen. Dazu gehört, dass der Kanton Zürich als wichtigster Geldgeber die Universität zwar solid finanziert; sein jährlicher Beitrag von 800 Mio. Franken deckt jedoch weniger als die Hälfte des Gesamtbudgets von 1,7 Mrd. Franken. Hinzu kommen Beiträge vom Bund und den anderen Kantonen, deren Studierende an der UZH eingeschrieben sind. Zusammengerechnet sind damit rund zwei Drittel des Budgets der UZH gedeckt.
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Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut es unseren Forschenden gelingt, in diesem harten Wettbewerb zu bestehen und Drittmittel einzuwerben.
Der Rest stamme aus weniger verlässlichen Quellen, wie Hug sagte. Besonders interessant seien die Projektgelder von Dritten, die im vergangenen Jahr rund 360 Mio. Franken ausmachten und somit gut 20 Prozent des Budgets deckten. Dazu gehören die kompetitiv eingeworbenen Projektbeiträge für die Forschung des SNF von 165 Mio. Franken und die gut 100 Mio. Franken, die Stiftungen und private Geldgeber beisteuern. «Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut es unseren Forschenden gelingt, in diesem harten Wettbewerb zu bestehen und Drittmittel einzuwerben», lobte Hug.
Doch die Bewerbungen für diese Projekte seien zeitintensiv und teuer und der Erfolg nicht garantiert. Gerade die Forschung sei deshalb nicht so gut planbar wie andere Budgetposten: «Wir halten hier das ganze Jahr sehr viele Bälle gleichzeitig in der Luft.» Zusätzliche Drittmittel seien «der einzige Weg nach vorne», wenn die UZH ihren finanziellen Spielraum erhöhen wolle, so Hug, weil der Spardruck bei der öffentlichen Hand gross sei, wie die Diskussion um das Entlastungspaket des Bundes zeigt. Doch auch das Einwerben zusätzlicher Drittmittel habe seine Grenzen.
Nach dem Gespräch mit Daniel Hug war der formelle Teil der Feierlichkeiten beendet, und die Festgemeinde begab sich gut gelaunt zum Apéro im Lichthof Irchel, um auf das Geburtstagskind anzustossen.