Header

Suche
Zum Tod von Katja Rost

Inspirierend und engagiert

Soziologin Katja Rost stand für eine ergebnisoffene Forschung ein und nahm in der Öffentlichkeit zu viel diskutierten Themen profiliert Stellung. Am 20. Juni ist sie im Alter von 50 Jahren verstorben.
Autor: Jörg Rössel
Porträt Katja Rost
Erschloss neue Forschungsgebiete und begeisterte die Studierenden: Soziologin Katja Rost. (Bild: Marc Latzel)

Am 20. Juni 2026 ist im Alter von 50 Jahren unsere einzigartige Kollegin Prof. Dr. Katja Rost verstorben. Wir sind über diesen schweren Verlust zutiefst betrübt. Katja Rost verbinden wir alle mit unglaublicher Energie, Tatkraft und Mut. Sie stand jederzeit gerne für die öffentliche Diskussion zur Verfügung, um gesell­schaf­tliche Phänomene zu erklären und aufzudecken, über wissen­schaftliche Erkennt­nisse zu informieren und Vorurteilen ent­gegen­zuwirken. So war sie beispiels­weise von 2017 bis 2020 viel­gelesene Gast­kolumnistin für die NZZ am Sonntag.

Ihr war es immer wichtig, ergebnisoffene Forschung zu betreiben, auch wenn deren empirische Resultate gegen liebgewonnene wissen­schaftliche oder politische Dogmen gesprochen haben. Die verbreitete Haltung zur Verteidigung dogmatischer Lehrsätze hatte sie schon in ihrer Antritts­vorlesung «Widerlegung nicht erwünscht! Über die einseitige Veröffent­lichung empirischer Befunde und fehlerhafte wissen­schaft­liche Erkennt­nisse» aufs Korn genommen. Damit hat sie in vorbildlicher Weise die aufklä­rerische Haltung der Wissenschaft gegenüber dem Festhalten an akademischen oder politischen Prinzipien, unabhängig von der politischen Ausrichtung, repräsentiert.

«Heisse Eisen» anpacken

In ihren wissenschaftlichen und öffentlichen Beiträgen hat sich Katja Rost dement­sprechend auch nicht gescheut, aktuelle Themen und «heisse Eisen» anzupacken, seien dies Manager­gehälter, Shitstorms in den sozialen Medien, geschlechts­spezifische Löhne an Universitäten oder das Phäno­men der Corporate Social Responsibility. Dabei hat sie auch Ergebnisse, die nicht der herrschenden Meinung entsprachen, veröffent­licht und offensiv vertreten, sei es, dass Boni die Leistung von Kader­personen kaum vergrössern, dass Professorinnen und Professoren an der Universität Zürich sich in ihren Löhnen systematisch kaum unterscheiden oder dass soziales Engagement von Unter­nehmen nicht in höheren Gewinnen resultiert.

Katja Rost war in vielen Rollen mit Enthusiasmus engagiert. Sie führte ein grosses Team und innovative Drittmittel­projekte. In den letzten Jahren leitete sie unter anderem den Universitären Forschungs­schwerpunkt Human Reproduction Reloaded, der eine inter­diszipli­näre Schnittstelle von Sozial­wissen­schaften, Ethik und Medizin darstellt. Eine Herzens­ange­legen­heit für sie war es, neue Forschungs­gebiete zu eröffnen.

Beheimatet war sie in der Wirtschafts- und Organisations­soziologie und befasste sich mit vielfältigen Forschungs­fragen, von der digitalen Sozio­logie, über soziale Netzwerke bis hin zur gesell­schaft­lichen Diversität. Katja Rost nahm insbesondere in der Geschlechter­forschung eine bedeu­tende Rolle ein und beriet regelmässig universitäre und öffentliche Gremien. Von 2019 bis 2024 war sie Präsidentin der Gleich­stellungs­kommission der Universität Zürich.

Innovative Arbeiten fördern

In der Lehre füllte sie die grossen Hörsäle und begeisterte die Studie­renden. Sie war stets bereit, innovative Arbeiten zu fördern und voran­zutreiben. Als liebevolle Mutter scheute sie sich auch nicht davor, ihren Sohn an Sitzungen mitzu­bringen oder ihn an ihren Vor­lesungen teilnehmen zu lassen, wenn wieder einmal die Schul­ferien mit ihren Aufgaben kollidierten. Im vergangenen Jahr setzte sie sich zusätzlich als Instituts­direktorin für die strategische Weiter­entwicklung des Sozio­logischen Instituts ein.

Bei allen ihren Aktivi­täten zeichnete sich Katja Rost durch eine unglaubliche Energie und einen gewaltigen Tatendrang aus, mit dem sie ihre Umgebung inspirierte. Dabei war es ihr immer wichtig, die Arbeits­bedingungen für ihre Teams, für die Mitglieder des Soziolo­gischen Instituts und ihrer anderen Wirkungs­stätten gut zu gestalten und für diese die notwendigen Ressourcen zu beschaffen. Sie selbst hat für sich ein kleines Büro gewünscht. Sie war sich stets bewusst, dass sie eine privile­gierte Position innehatte und blieb dabei bescheiden.

Katja Rost war seit 2012 Ordinaria für Soziologie an der Philo­sophischen Fakultät der Universität Zürich. Sie studierte Soziologie an der Universität Leipzig, promovierte in Wirtschafts­wissen­schaften an der TU Berlin und habilitierte an der Wirtschafts­wissen­schaft­lichen Fakultät der Universität Zürich. Sie war zuvor als Junior­professorin für Organisa­tions­soziologie an der Universität Mannheim und als Professorin für Management an der Friedrich-Schiller-Universität Jena tätig.

Neben ihren Ämtern an der Universität Zürich war Katja Rost auch andernorts für die wissen­schaftliche Gemeinschaft aktiv: sie war Herausgeberin von mehreren renom­mierten Zeitschriften, Mitglied des Beirats zahlreicher Zeit­schriften sowie Vize­präsidentin des Universitäts­rates der Universität Luzern.

Ihre langjährige Krankheit hat sie stets würdevoll getragen. Sie hat bis zuletzt dafür gesorgt, dass ihre Aufgaben wahrgenommen wurden und ihre Mitarbeitenden mit einer sicheren Perspektive in die Zukunft blicken können. Mit grosser Bewunderung nehmen wir Abschied von ihr. Die Universität Zürich, ihre Kolleg:innen, ihr Team, die Mitar­bei­tenden und die Studierenden werden die Verstorbene mit grosser Dankbarkeit in Erinnerung behalten.