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Talk im Turm

Abnehmspritzen und «echtes» Essen

Fast Food und volle Regale: In der Überflussgesellschaft sind die Teller gut gefüllt, manchmal zu gut. Das führt zu Gewichtsproblemen, die sich weltweit epidemisch ausbreiten. Im Talk im Turm diskutierten die Evolutionsmedizinerin Nicole Bender und der Adipositas-Spezialist Philipp Gerber, wie wir uns und unsere Ernährung ins Gleichgewicht bringen.
Thomas Gull
Diskutierten im Talk im Turm über gute Ernährung: Evolutionsmedizinerin Nicole Bender (2. v.l.n.r.) und Adipositas-Spezialist Philipp Gerber (3. v.l.n.r.) mit Rita Ziegler und Roger Nickl (Moderation).

Viele von uns essen zu viel und haben deshalb über kurz oder lang zu viele Pfunde auf den Rippen: in der Schweiz sind 43 Prozent der Menschen übergewichtig, weltweit bereits mehr als die Hälfte der Kinder. «Wir erleben eine Epidemie des Übergewichts», sagte die Evolutionsbiologin Nicole Bender am Montag im Talk im Turm der UZH zum Thema «Mahlzeit! Wie wir uns gut ernähren». Im von Rita Ziegler und Roger Nickl von der UZH Kommunikation moderierten Gespräch wurde diskutiert, weshalb Übergewicht zu einem gesellschaftlichen Problem geworden ist und was dagegen getan werden kann.

Das Falsche essen

Übergewichtige Menschen gibt es schon lange, doch Übergewicht als Gesundheitsproblem, das weite Kreise der Bevölkerung betrifft, ist erst seit dem zweiten Weltkrieg ein Thema. Die Ursachen der Epidemie sind einfach zu benennen: wir essen zu viel und bewegen uns zu wenig. Hinzu kommt, dass wir oft das Falsche essen, etwa prozessierte Lebensmittel, die viele Nährstoffe aber wenig Ballaststoffe enthalten.

Nicole Bender und der Adipositas-Spezialist Philipp Gerber erforschen, was gegen die um sich greifende Fettleibigkeit getan werden kann. Bender untersucht in einer Langzeitstudie in Zürich mit 650 Personen, was sie essen und wie sich das auswirkt. «So können wir Muster erkennen zwischen der Ernährung und der körperlichen Gesundheit und fundierte Empfehlungen machen», sagte Bender.

Philipp Gerber behandelt adipöse Menschen. Diese litten oft unter dem Vorurteil, dass sie es selbst in der Hand hätten, abzunehmen, erzählte der Arzt. Dabei ist das nicht so einfach. Einerseits, weil wir genetisch unterschiedlich ausgestattet sind, wenn es um die Verwertung von Nahrung geht. Früher war es ein Vorteil, wenn man sich im Herbst noch etwas Winterspeck zulegen konnte, heute kann das zum Gesundheitsrisiko werden, wenn man ihn nicht mehr loswird. Andererseits wird unser Essverhalten von Hirnfunktionen gesteuert, die nicht so einfach zu beeinflussen sind, wie Gerber betont: «Der evolutionsbiologische Antrieb, zu essen, ist sehr stark.»

Hunger- und Sättigungsgefühl ausbalancieren

Wer langfristig abnehmen will, muss deshalb das Hunger- und Sättigungsgefühl neu ausbalancieren. Hier setzen die Abnehmspritzen an, die den Hunger-Sättigungsrhythmus beeinflussen. Für Gerber sind sie ein probates Mittel, um krankhaft übergewichtigen Menschen zu helfen: «Wir haben zum ersten Mal ein Medikament, dass gut und funktioniert, ohne dramatische Nebenwirkungen.» Das Problem ist allerdings, dass die Wirkung nicht nachhaltig ist, das heisst, wenn die Medikamente abgesetzt werden, gerät das System wieder aus dem Lot. Deshalb sei es problematisch, so Gerber, dass die Therapie von den Krankenkassen nur währen drei Jahren bezahlt wird. Das sollte sich aus seiner Sicht ändern, sind die Spritzen doch im Vergleich mit den Kosten für die Behandlung von Folgekrankheiten wie etwa Diabetes eine gute Investition.

«Echtes» Essen kaufen

Diskutiert wurde auch über das Fasten. Bei Tieren habe Fasten positive Effekte, etwa auf den Stoffwechsel oder und die Selbstreinigung der Zellen (Autophagie), erklärte Gerber. «Beim Menschen wissen wir darüber noch nicht so viel.» Bei Übergewicht könne Intervallfasten hilfreich sein, bei dem beispielsweise währen 16 Stunden keine Nahrung aufgenommen wird.

Wichtig ist vor allem, da waren sich Bender und Gerber einig, sich vielfältig zu ernähren. Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, ob man sich vegetarisch oder «mediterran» ernährt. Hilfreich sei die Regel «je bunter, umso besser», genauso wie der Verzicht auf Süssgetränke und prozessierte Lebensmittel. «Kaufen sie echtes Essen ein», riet Nicole Bender, «und achten Sie darauf, was ihnen guttut.» Das ist nicht für alle dasselbe. Und: «Sich ab und zu etwas gönnen, muss dringliegen.»

 

Der Talk im Turm als Podcast