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Kunstgeschichte

Gemeinsam Provenienz erforschen

Das Kunsthaus Zürich und das Kunsthistorische Institut der UZH arbeiten enger zusammen. Dies wurde vor Kurzem mit der Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding und eines Kooperationsvertrags besiegelt. Im ersten gemeinsamen Forschungsprojekt soll die Geschichte des Kunsthauses und seiner Sammlung beleuchtet werden.
Autor: Roger Nickl
Die Vorsteherin des Kunsthistorischen Instituts Bärbel Küster, Kunsthaus-Direktorin Ann Demeester und Prorektorin Forschung Elisabeth Stark bei der Vertragsunterzeichnung im Gartenpavillon des Stockarguts. (Bild: Kunsthaus Zürich, Franca Candrian)

Wo heute das Hauptgebäude der UZH steht, stand bis 1910 das Künstlergüetli – quasi die Urzelle des heutigen Kunsthauses. Geografisch standen sich die beiden Zürcher Institutionen also schon immer nahe. Nun rücken Kunsthaus und UZH, die bereits in der jüngsten Vergangenheit immer wieder punktuell für Projekte und Veranstaltungen zusammenarbeiteten, noch näher zusammen.

Ende September wurde die Kooperation des Zürcher Museums mit dem Kunsthistorischen Institut der UZH anlässlich eines Festakts mit einem Memorandum of Understanding und einem ersten konkreten Kooperationsvertrag bekräftigt. «Das ist wie bei einem Heiratszeremoniell», sagte Kunsthaus-Direktorin Ann Demeester anlässlich der feierlichen Vertragsunterzeichnung im Gartenpavillon des Stockarguts lachend, «wir freuen uns einzigartig auf die intensivierte Zusammenarbeit von Theorie und Praxis, von Academia und Museum.»

Diese Freude teilte auch die Institutsvorsteherin des Kunsthistorischen Instituts der UZH. «Diese Kooperation gibt eine grossartige Möglichkeit für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses», sagte Bärbel Küster und betonte, die Universität sei keineswegs ein Elfenbeinturm und der Austausch mit der Öffentlichkeit ein zentrales Anliegen ihres Instituts. UZH-Prorektorin Elisabeth Stark versteht die beschlossene Kooperation als Ausdruck einer dynamisierten Nachbarschaft: «Ich freue mich, dass wir zusammen und voneinander lernen können.»

Praxisorientiert ausbilden

Im Memorandum of Understanding festgehalten ist die künftige Zusammenarbeit im Bereich der Museumsgeschichte und -theorie, die von der Durchführung gemeinsamer Workshops, Konferenzen sowie Vortragsreihen über die Forschung bis hin zur Einreichung von Anträgen reicht. Von der Kooperation profitieren sollen aber auch die Lehre an der UZH und die praxisorientierte Ausbildung. So sollen gemeinsame Lehrveranstaltungen, Praxis-Seminare und -Übungen durchgeführt und Praktikumsplätze für Studierende angeboten werden.

Das erste Kooperationsprojekt sieht zunächst eine engere Zusammenarbeit von Kunsthaus und Kunsthistorischem Institut in der Provenienzforschung vor. Das Kunsthaus wird sich unter der Leitung von Joachim Sieber in den nächsten fünf Jahren im Rahmen des Projekts «Überprüfung der Provenienzforschung der Sammlung der Stiftung E.G. Bührle» mit der Erforschung der Provenienzen der Werke dieser Dauerleihgabe befassen. «Wir werden alle 205 Werke der Sammlung sichten, kategorisieren und die Provenienzforschung vertiefen», sagte Joachim Sieber, Leiter der Provenienzforschung am Kunsthaus. Zudem wird das sich am Kunsthaus Zürich befindende Archiv der Stiftung Sammlung E. G. Bührle vollständig erschlossen und teils digitalisiert.

Sammlungsgeschichte untersuchen

Finanziert wird das Projekt durch einen einmaligen Beitrag der Stadt Zürich. Daraus werden auch die begleitenden UZH-Projekte mit Drittmitteln in der Höhe von 600’000 Franken unterstützt. Die Forschenden der UZH werden sich mit Fragen des historischen Kontextes befassen, in dem Institutionen wie das Zürcher Kunsthaus und Sammler:innen, die mit ihm verbunden waren, standen. In diesen Rahmen werden in den nächsten vier Jahren zwei Dissertationen zu aktuellen Forschungsfragen zur Kunstmarkt-, Institutions- und Sammlungsgeschichte in der Schweiz entstehen.

«Provenienzforschung wird oft mit der Restitution von Bildern gleichgesetzt, sie ist aber viel mehr als das», sagte Mattes Lammert vom Kunsthistorischen Institut, «sie verändert nicht nur die Art und Weise, wie wir mit Werken umgehen, sondern auch wie wir sie betrachten. Dabei lebt die Kunstgeschichte – und nicht zuletzt auch das Museum – gerade davon, die Perspektive auf Kunstwerke durch neue Konstellationen zu aktualisieren, wofür die Provenienzforschung prädestiniert scheint.»

Provenienzforschung wird oft mit der Restitution von Bildern gleichgesetzt, sie ist aber viel mehr als das, sie verändert nicht nur die Art und Weise, wie wir mit Werken umgehen, sondern auch wie wir sie betrachten.

Mattes Lammert
Kunsthistoriker

In der akademischen Provenienzforschung ist die UZH schweizweit eine Vorreiterin: 2024 hat das Kunsthistorische Institut einen entsprechenden Forschungsschwerpunkt und gleichzeitig die erste permanente Stelle an einer Schweizer Universität in diesem Forschungsbereich geschaffen. Als Lecturer Research leitet seither der Kunsthistoriker Mattes Lammert  die Provenienzforschung am Kunsthistorischen Institut.

Lammert forscht, setzt sich mit den Methodiken seines Fachs auseinander und fördert durch das regelmässig ausgerichtete Nachwuchsforum Provenienzforschung Studierende und Promovierende in diesem Bereich. Die beschlossene Kooperation mit dem Kunsthaus ist der erste grosse Erfolg des neuen Forschungsschwerpunkts und seines Leiters.

Wissenschaftlich unabhängig

Lammert war zuvor an der Technischen Universität Berlin verantwortlich für das Forschungsprojekt «Die Erwerbungen der Staatlichen Museen zu Berlin auf dem Pariser Kunstmarkt während der Besatzung 1940–1944», das in Kooperation mit dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris umgesetzt wurde. Um die Besitzfolge von Kunstwerken zu verstehen, müsse man sie in einem grösseren historischen Zusammenhang untersuchen, sagt Lammert. Sammler wie etwa Emil Bührle sind immer auch Teil von Netzwerken aus Kunsthandel, Galerien und Museen.

Solche Verflechtungen für die Zeit von 1933 bis 1945, aber auch davor und danach, zu untersuchen und aufzuzeigen, ist das Ziel der Forschung an der UZH. «Sie soll neue Quellen erschliessen, historische Zusammenhänge offenlegen und eine Grundlage schaffen, auf der weitere Forschung und öffentliche Debatten aufbauen können», sagt Provenienzforscher Lammert. Ein grosser Vorteil dieses Projektes sei, dass es wissenschaftlich unabhängig ist und die Forschungsfreiheit der Doktorierenden vollumfänglich gewährleistet ist. «Das Museum stellt sich damit seiner eigenen Vergangenheit durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von ausserhalb», sagt er, «das ist auch ein Vertrauensvorschuss.»

Die beschlossene Zusammenarbeit zwischen dem Kunsthaus Zürich und dem Kunsthistorischen Institut, so Lammert, könnte Massstäbe für weitere Kooperationen in der Schweiz setzen. Längerfristig hofft der UZH-Provenienzforscher, dass weitere Museen mit der Universität zusammenarbeiten und auch private Archive von Schweizer Kunsthändlern und -händlerinnen für die Forschung zugänglich werden. Mit den getroffenen Vereinbarungen ist nun ein erster Schritt in diese Richtung gemacht.