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Leading House Asia Pacific

Verankerung im asiatisch-pazifischen Raum stärken

Die Region zählt zu den dynamischsten Forschungsregionen der Welt. Doch erfolgreiche Kooperation erfordert mehr als den Blick von aussen. Am Rande der Lancierung des Leading House Asia Pacific in Bern sprachen wir mit Sau Kim Lum, Associate Vice President for Global Relations an der National University of Singapore (NUS), und dem UZH-Historiker Martin Dusinberre.
Autor: Interview: Barbara Simpson
Martin Dusinberre, Professor für Global History an der Universität Zürich (UZH), und Sau Kim Lum, Associate Vice President for Global Relations an der NUS, im Gespräch anlässlich der Lancierung des Leading House Asia Pacific am 8. Juni 2026 in Bern.
Martin Dusinberre, Professor für Global History an der Universität Zürich (UZH), und Sau Kim Lum, Associate Vice President for Global Relations an der NUS, im Gespräch anlässlich der Lancierung des Leading House Asia Pacific am 8. Juni 2026 in Bern. (Bild: André Hengst)

Die Region Asien-Pazifik wird häufig als eine der dynamischsten Regionen der Welt bezeichnet. Was macht sie heute für Universitäten und Forschende besonders wichtig?

Lum Sau Kim: Viele der prägenden Herausforderungen, Chancen und Innovationen unserer Zeit zeigen sich derzeit besonders deutlich im asiatisch-pazifischen Raum. Von unserem Standort in Singapur aus erleben wir die rasante Transformation der Region aus nächster Nähe – etwas, das sich aus der Ferne kaum vollständig erfassen lässt. Asiatische Universitäten tragen heute zunehmend zur globalen Forschung bei und übernehmen in vielen Bereichen eine führende Rolle. Dadurch eröffnet die Zusammenarbeit mit der Region Zugang zu vielfältigen Forschungsumgebungen, Perspektiven, Daten, Infrastrukturen und Talenten.

Diese Vielfalt ist entscheidend, um komplexe globale Herausforderungen zu bewältigen. Eine Präsenz vor Ort ermöglicht differenzierte Einblicke und ein besseres Verständnis für das Umfeld. Beides kann man nicht allein aus Dokumenten oder Berichten gewinnen. Eine solche Zusammenarbeit setzt zudem Beziehungen voraus, die auf Vertrautheit und Vertrauen beruhen. Der asiatisch-pazifische Raum ist nicht einfach eine Region, die man beobachtet – man muss in ihr verankert sein. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied.

Martin Dusinberre: Aus meiner Sicht als Historiker kann ich dem nur zustimmen. Einige der einflussreichsten Theorien zu Kolonialismus, Staatsbildung, Arbeitsproduktivität und räumlicher Vorstellungskraft stammen aus der Forschung zum asiatisch-pazifischen Raum. Da das historische Gedächtnis eine zentrale Rolle dabei spielt, wie Individuen, Institutionen und Nationalstaaten mit der Welt interagieren, helfen uns diese Theorien auch dabei, Asien und die pazifische Welt von heute besser zu verstehen. Für Forschende ist es entscheidend, mit Menschen in Kontakt zu treten, die solche Phänomene – ebenso wie den Klimawandel – in ihrem Alltag erleben.

Der asiatisch-pazifische Raum ist nicht einfach eine Region, die man beobachtet – man muss in ihr verankert sein. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied.

Sau Kim Lum
Associate Vice President for Global Relations, NUS

Sau Kim Lum, Sie betonen die Bedeutung von Präsenz vor Ort und Vernetzung. Was braucht es, um akademische Verbindungen mit Partnern im asiatisch-pazifischen Raum und darüber hinaus aufzubauen?

Lum: Ähnlich wie die Schweiz legt Singapur seit Langem grossen Wert auf Pragmatismus, Offenheit und konstruktive Zusammenarbeit mit Partnern in verschiedenen Weltregionen. In meiner Funktion habe ich das Privileg, Gespräche mit Universitäten und weiteren Akteuren auf der ganzen Welt zu führen und Möglichkeiten für Kooperationen in Forschung, Bildung und Talentförderung auszuloten.

Besonders wertvoll sind die langjährigen Partnerschaften, die durch unsere Beteiligung an regionalen Netzwerken und globalen Allianzen wieUniversitas 21 entstanden sind. In diesem Rahmen arbeiten wir bereits mit der UZH zusammen. Diese Beziehungen haben über die Jahre hinweg eine solide Grundlage aus Vertrauen und gegenseitigem Verständnis geschaffen. Dadurch können wir offen miteinander sprechen, komplexe Situationen gemeinsam bewältigen und besser zusammenarbeiten.

Martin Dusinberre, welchen Beitrag kann die Geschichtswissenschaft dazu leisten, die Rolle der Region in der heutigen globalen Wissenschaftslandschaft besser zu verstehen?

Dusinberre: Historikerinnen und Historiker können die Machtverhältnisse hinterfragen, die dazu geführt haben, dass bestimmte Regionen oder Fragestellungen als normativ betrachtet werden. Der «Pazifik» wurde beispielsweise traditionell vor allem aus der Perspektive der Pazifikanrainerstaaten untersucht, wodurch die Menschen der pazifischen Inseln oft ausgeblendet wurden. Auch regionale Kategorien wie «Südasien» oder «Südostasien» sind historisch problematisch.

Wenn es gelingt, Forschungsprojekte und Förderstrukturen zu schaffen, die etwa die lange Geschichte maritimer Verbindungen zwischen Südostasien und Nordaustralien oder zwischen Nordostasien und den pazifischen Inselgesellschaften besser berücksichtigen, können wir beginnen, einige der historischen Altlasten anzugehen, die die Region bis heute prägen.

Was bedeutet das konkret für Forschende – insbesondere bei der Arbeit in verschiedenen Sprachen, Archiven, Disziplinen und Wissenschaftstraditionen?

Dusinberre: Dafür müssen wir verstehen, wie bestimmte Sprachen und Wissenssysteme überhaupt zu den Deutungsrahmen geworden sind, mit denen wir die Welt heute erklären. Dies setzt wiederum eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit Forschenden voraus, die andere Sprachen sprechen oder andere fachliche Annahmen darüber haben, wie die Welt funktioniert.

Besonders wertvoll sind die langjährigen Partnerschaften, die durch unsere Beteiligung an regionalen Netzwerken und globalen Allianzen wie Universitas 21 entstanden sind.

Sau Kim Lum
Associate Vice President for Global Relations, NUS

Internationale Forschungszusammenarbeit findet heute in einem geopolitischen Umfeld statt, das zunehmend komplexer wird. Was können Universitäten in einem solchen Kontext realistisch beitragen?

Dusinberre: Universitäten sind einzigartige Orte des Austauschs, weil sie einen konstruktiven Umgang mit Meinungsverschiedenheiten fördern können und sollen. Diese intellektuelle Freiheit, unterschiedliche Positionen zu vertreten, Neues auszuprobieren, Fehler zu machen und dies ohne den kurzfristigen Druck wirtschaftlicher Gewinnziele tun zu können, ist eine grosse Stärke von Universitäten in internationalen Forschungskooperationen. Selbstverständlich spielen auch Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft wichtige Rollen.

Lum: Viele der heutigen Herausforderungen sind grenzüberschreitend – etwa die COVID-19-Pandemie, der Verlust der Biodiversität oder der Klimawandel. Sie erfordern internationale Forschungszusammenarbeit und die Bündelung von Expertise über Ländergrenzen hinweg. Universitäten müssen dabei eine Balance zwischen Offenheit und Risikomanagement finden. Ein möglicher Ansatz ist eine risikobewusste und abgestufte Herangehensweise: Grundlagenforschung sollte so offen wie möglich bleiben, während für sensible Technologien, Datensicherheit oder Governance-Fragen angemessene Schutzmassnahmen gelten sollen. Anders ausgedrückt: so offen wie möglich, so geschlossen wie nötig.

Gleichzeitig können Universitäten gemeinsame Herausforderungen durch Partnerschaften zwischen Wissenschaft, Staat und Industrie angehen. An der NUS setzen wir bewusst auf komplementäre Stärken in der Forschung. Wir kennen unsere Stärken, aber auch unsere Lücken, und suchen gezielt nach Partnern mit ergänzenden Kompetenzen, um Kooperationen aufzubauen, von denen alle Seiten profitieren.

Wie sehen solche sich ergänzenden Partnerschaften konkret aus?

Lum: Internationale Hochschulpartnerschaften entfalten ihre grösste Wirkung, wenn sie über den akademischen Austausch hinausgehen. Ein Beispiel dafür ist der Campus for Research Excellence and Technological Enterprise (CREATE) in Singapur. Dort arbeiten Partnerinstitutionen aus aller Welt – darunter die NUS, das MIT, die ETH Zürich und weitere Hochschulen – gemeinsam an Themen wie den Städten der Zukunft, Gesundheitstechnologien und resilienten Systemen.

Ein weiteres Beispiel ist das NUS Centre for Nature-based Climate Solutions. In Zusammenarbeit mit Partnern wie der Nanyang Technological University, der Universiti Brunei Darussalam und der Singapore-MIT Alliance for Research and Technology (SMART) untersuchen wir mithilfe moderner Fernerkundungstechnologien die Kohlenstoffspeicherung in tropischen Torfwäldern der Region.

Was ist das Leading House Asia Pacific?

An der Veranstaltung vom Montag in Bern lancierte die UZH offiziell ihr Mandat als Leading House Asia Pacific. Im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) unterstützt die UZH die bilaterale Forschungs-, Bildungs- und Innovationszusammenarbeit der Schweiz mit Partnern im asiatisch-pazifischen Raum. Das Mandat baut auf der Arbeit der ETH Zürich auf, die von 2008 bis 2025 als Leading House Asia tätig war.

Mit der Übernahme durch die UZH wurde der geografische Fokus um Australien und Neuseeland erweitert – ein Ausdruck des starken Engagements sowohl der Schweiz als auch der UZH in diesen Ländern. Die UZH verwaltet Förderinstrumente für Forschende an Schweizer Hochschulen und öffentlichen Forschungseinrichtungen, um Kooperationen mit akademischen und industriellen Partnern in Australien, Neuseeland, China, Hongkong, Macao, Taiwan (Chinese Taipei), Japan, Südkorea sowie allen ASEAN-Mitgliedstaaten aufzubauen. Ziel ist es, langfristige Partnerschaften zu stärken und neue Möglichkeiten für die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und dem asiatisch-pazifischen Raum zu eröffnen.

Leading House Asia Pacific

  • Die Auftaktveranstaltung des Leading House Asia Pacific fokussierte auf die wachsende Zusammenarbeit der Schweiz mit der Region und präsentierte Fördermöglichkeiten zur Stärkung von Partnerschaften in den Bereichen Forschung, Ausbildung und Innovation.
    Die Auftaktveranstaltung des Leading House Asia Pacific fokussierte auf die wachsende Zusammenarbeit der Schweiz mit der Region und präsentierte Fördermöglichkeiten zur Stärkung von Partnerschaften in den Bereichen Forschung, Ausbildung und Innovation.
  • Tina Schilbach, Program Lead Asia Pacific an der UZH, stellte die Förderinstrumente für die Anschubfinanzierung und die Netzwerkveranstaltungen vor. Mit diesen sollen Kooperationen mit Akteuren aus Wissenschaft, Politik und Innovation in Ostasien, der ASEAN-Region, Australien und Neuseeland gefördert werden.
    Tina Schilbach, Program Lead Asia Pacific an der UZH, stellte die Förderinstrumente für die Anschubfinanzierung und die Netzwerkveranstaltungen vor. Mit diesen sollen Kooperationen mit Akteuren aus Wissenschaft, Politik und Innovation in Ostasien, der ASEAN-Region, Australien und Neuseeland gefördert werden.
  • Ein hochkarätiges Publikum aus Wissenschaft, Politik und Diplomatie versammelte sich in Bern anlässlich der Lancierung des von der UZH ausgerichteten Leading House Asia Pacific.
    Ein hochkarätiges Publikum aus Wissenschaft, Politik und Diplomatie versammelte sich in Bern anlässlich der Lancierung des von der UZH ausgerichteten Leading House Asia Pacific.
  • Delphine Marchon, wissenschaftliche Referentin beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF), präsentierte die bilateralen Programme der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit Japan, Südkorea und Vietnam.
    Delphine Marchon, wissenschaftliche Referentin beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF), präsentierte die bilateralen Programme der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit Japan, Südkorea und Vietnam.
  • UZH-Rektor Michael Schaepman im Gespräch mit Thomas Werder, Co-Direktor und Leiter der Abteilung für Forschungsbeiträge beim SNF.
    UZH-Rektor Michael Schaepman im Gespräch mit Thomas Werder, Co-Direktor und Leiter der Abteilung für Forschungsbeiträge beim SNF.
  • Globale Perspektiven auf den asiatisch-pazifischen Raum: An der von Martin Dusinberre moderierten Podiumsdiskussion nahmen neben Sau Kim Lum auch Ben Bland, Leiter des Asien-Pazifik-Programms bei Chatham House, sowie die australische Botschafterin in der Schweiz, Elizabeth Day, teil. (Alle Bilder: André Hengst)
    Globale Perspektiven auf den asiatisch-pazifischen Raum: An der von Martin Dusinberre moderierten Podiumsdiskussion nahmen neben Sau Kim Lum auch Ben Bland, Leiter des Asien-Pazifik-Programms bei Chatham House, sowie die australische Botschafterin in der Schweiz, Elizabeth Day, teil. (Alle Bilder: André Hengst)

Im Rahmen ihres Leading-House-Mandats unterstützt die UZH Forschende aus Schweizer Hochschulen und öffentlichen Forschungs­einrichtungen beim Aufbau von Kooperationen mit Partnern in der Region. Welche Chancen sehen Sie?

Dusinberre: Dieses Mandat bietet der UZH die Möglichkeit, multilaterale und mehrsprachige Forschung zu fördern. Mit Mehrsprachigkeit meine ich nicht nur gesprochene oder geschriebene Sprache, sondern auch unterschiedliche Erkenntnissysteme und Wissensformen. Die Faszination dieses Mandats liegt unter anderem darin, dass wir heute noch nicht wissen, aus welchen Disziplinen oder an welchen Schnittstellen neue und drängende Forschungsfragen entstehen werden. Wir werden jedoch die dafür notwendigen Partnerschaften unterstützen können.

Lum: In Singapur haben wir kürzlich im Rahmen des Programms Research, Innovation and Enterprise (RIE) 2030 Investitionen in Höhe von 37 Milliarden Singapur-Dollar (rund 23 Milliarden Schweizer Franken) beschlossen. Zu den Schwerpunkten zählen Gesundheit und menschliches Potenzial, zukunftsweisende Fertigungsmethoden und Konnektivität, urbane Nachhaltigkeit und digitale Wirtschaft.

Dies sind zentrale Bereiche, in denen Forschende aus der Schweiz und dem asiatisch-pazifischen Raum sinnvoll zusammenarbeiten können. Ich hoffe, dass das Leading-House-Mandat multilaterale Projekte, den Austausch von Forschenden und langfristige Partnerschaften stärkt und so komplementäre Expertise zusammenführt, um gemeinsame Herausforderungen anzugehen.

Dieses Mandat bietet der UZH die Möglichkeit, multilaterale und mehrsprachige Forschung zu fördern. Mit Mehrsprachigkeit meine ich nicht nur gesprochene oder geschriebene Sprache, sondern auch unterschiedliche Erkenntnissysteme und Wissensformen.

Martin Dusinberre
Professor für Global History an der UZH

Ein Blick in die Zukunft: Wie sollte sich die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und dem asiatisch-pazifischen Raum weiterentwickeln?

Dusinberre: Akademische Kooperationen im Rahmen des Leading-House-Mandats müssen auf einem fundierten Verständnis der heutigen Realität im asiatisch-pazifischen Raum beruhen – und umgekehrt auch auf einem fundierten Verständnis der Schweiz. Dabei gilt es, sprachliche, historische, kulturelle und intellektuelle Vielfalt in all ihren Ausprägungen anzuerkennen.

Lum: Ich sehe enorme Möglichkeiten – begrenzt nur durch unsere gemeinsame Vorstellungskraft. Die heutigen geopolitischen und wirtschaftlichen Herausforderungen sind real, doch die Geschichte zeigt immer wieder, dass gerade solche Herausforderungen starke Impulse für Kreativität setzen können. Aus unserer Sicht ist nichts vorbestimmt. Wir können die Zukunft aktiv mitgestalten.

Deshalb sollten wir über rein transaktionale Austauschbeziehungen hinausgehen und belastbare Netzwerke sowie langfristige Partnerschaften aufbauen. Gespräche wie dieses und andere Formate, die unterschiedliche Disziplinen und Perspektiven zusammenbringen, sind ein guter Anfang – und wir brauchen mehr solcher Plattformen.