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Nationales Netzwerk für wissenschaftliche Beratung

«Krisen halten sich nicht an Fachgrenzen»

Die digitale Welt ist voller irreführender Inhalte. Für Staat und Demokratie ist das eine Herausforderung. Eine Gruppe von Forschenden soll Politik und Behörden im Umgang mit Desinformation beraten. Die UZH ist in diesem Netzwerk stark vertreten.
Autor: Interview: David Werner
Mark Eisenegger
«Wissenschaftliche Evidenz kann die Debatte versachlichen», sagt Kommunikationswissenschaftler Mark Eisenegger. (Bild: ZvG)

Herr Eisenegger, Sie sind Co-Leiter des Clusters «Desinformation» im neuen Nationalen Netzwerk für wissenschaftliche Beratung. Was motiviert Sie, sich als wissenschaftlicher Berater zu engagieren?

Mark Eisenegger: Wissenschaft darf aus meiner Sicht nicht im Elfenbeinturm bleiben. Sie sollte sich in gesellschaftlich relevante Debatten einbringen und Orientierungswissen bereitstellen. Genau das ermöglicht das Nationale Netzwerk für wissenschaftliche Beratung: Es bringt unabhängige wissenschaftliche Expertise mit konkreten Fragen von Politik und Verwaltung zusammen.

Nationales Netzwerk für wissenschaftliche Beratung

Das vom Bund initiierte Nationale Netzwerk für wissenschaftliche Beratung bündelt unabhängige wissenschaftliche Expertise, damit Behörden bei neuartigen Bedrohungen und systemischen Risiken rasch darauf zurückgreifen können. Die Expertinnen und Experten stammen mit wenigen Ausnahmen aus Schweizer Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Bisher wurden vier thematische Cluster vorbereitet (öffentliche Gesundheit, Cybersicherheit, Desinformation, internationale Herausforderungen), die jeweils von einem wissenschaftlichen Leitungsgremium geführt werden.

Der Cluster Desinformation umfasst 29 Forschende aus verschiedenen Disziplinen und Institutionen und befindet sich derzeit im Aufbau. Das fünfköpfige Steering Committee wird gemeinsam von Mark Eisenegger von der UZH und Anna Jobin von der Universität Freiburg geleitet. Ihm gehören ausserdem Karsten Donnay (Institut für Politikwissenschaft der UZH), Menna El-Assady von der ETH Zürich und Pierre Vandergheynst von der EPFL an.

Neben Mark Eisenegger und Karsten Donnay wirken fünf weitere Forschende der UZH im Cluster mit: Emma Hoes (Institut für Politikwissenschaft), Sylvia Sasse (Institut für Slavistik und Osteuropastudien),  Florent Thouvenin (Center for Information Technology, Society, and Law an der Rechtwissenschaftlichen Fakultät) sowie Sabrina Heike Kessler und Meg Jing Zeng (beide vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung). Insgesamt ist die UZH damit im Cluster Desinformation mit sieben Forschenden aus Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft, Slawistik, Rechtswissenschaft und Computational Social Science vertreten.

Im Leitungsgremium des Clusters Cybersecurity ist von Seiten der UZH Markus Christen (Digital Society Initiative) vertreten. Milo Puhan (Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention) ist Mitglied des Leitungsgremiums im Cluster Öffentliche Gesundheit.

Zur Entstehung: Das Nationale Netzwerk geht auf Erfahrungen aus der Covid-19-Pandemie zurück. Der Bundesrat beschloss 2022, die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik für künftige Krisen neu zu organisieren. Ende 2023 wurde das Umsetzungskonzept genehmigt. Unter Koordination der  Bundeskanzlei wurde das Netzwerk gemeinsam mit den Akademien der Wissenschaften Schweiz, swissuniversities, dem ETH-Rat, dem Schweizerischen Nationalfonds, dem Schweizerischen Wissenschaftsrat und Innosuisse aufgebaut.

Sie forschen selbst zum Thema Desinformation. Wie gross ist das Problem der Desinformation in der Schweiz?
Desinformation kann die öffentliche Meinungsbildung und das Vertrauen in eine gemeinsame Faktenbasis beeinträchtigen. Eine Mehrheit in der Bevölkerung nimmt Desinformation als grosses Problem wahr, und viele Menschen begegnen ihr regelmässig. Das zeigt eine Studie, die das fög im Oktober veröffentlichen wird. Gleichzeitig gibt es deutliche Unterschiede bei der Anfälligkeit. Wer regelmässig qualitativ gute Informationsmedien nutzt, ist gegenüber desinformativen Verschwörungsaussagen widerstandsfähiger als Menschen, die sich hauptsächlich über soziale Medien informieren.

Was macht eine Gesellschaft besonders anfällig für Desinformation – und was schützt sie?
Problematisch sind stark polarisierte Bereiche, in denen sich abgeschottete Kommunikationsräume bilden und kaum noch ein Austausch über gemeinsame Fakten stattfindet. Auch eine Schwächung des Qualitätsjournalismus erhöht die Anfälligkeit, weil verlässliche Orientierung und professionelle Einordnung fehlen.

Wichtig ist zudem gesellschaftliche Integration. Menschen müssen das Gefühl haben, gehört zu werden und an politischen Entscheidungen teilhaben zu können. In der Schweiz spielt dabei die direkte Demokratie eine besondere Rolle. Zusammen mit einem vielfältigen Mediensystem, geringer Polarisierung und Vertrauen in Institutionen ist das eine wichtige Schutzressource.

Viele Menschen in der Schweiz können mit KI erzeugte Deepfake-Videos kaum noch von echten Videos unterscheiden.

Mark Eisenegger

Inwiefern verschärft Künstliche Intelligenz die Situation?
Künstliche Intelligenz verändert vor allem das Tempo und die Grössenordnung. Täuschend echte Texte, Bilder, Stimmen und Videos lassen sich heute mit wenig Aufwand herstellen, auf bestimmte Gruppen zuschneiden und über künstliche Identitäten verbreiten.

Eine Studie des fög zeigt, wie schwierig die Erkennung bereits ist: Viele Menschen in der Schweiz können mit KI erzeugte Deepfake-Videos kaum noch von echten Videos unterscheiden. Selbst eine kurze Hilfestellung verbesserte die Erkennungsleistung nicht. Technische oder individuelle Erkennung allein genügt also nicht. Allerdings ist KI nicht nur ein Problem – sie kann auch dabei helfen, manipulierte Inhalte oder koordinierte Aktivitäten zu erkennen.

Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög)

Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) arbeitet seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Wissenschaft, Verwaltung und Politik. Es beteiligt sich regelmässig an Vernehmlassungen und bringt empirische Erkenntnisse zur Entwicklung des Schweizer Mediensystems ein. Zudem erstellt es regelmässig Studien für Bundesbehörden, etwa für das BAKOM. So untersuchte es zum Beispiel die Bedeutung globaler Technologieplattformen für die Schweizer Öffentlichkeit und Governance-Ansätze von KI im Journalismus. Auch das Jahrbuch Qualität der Medien bleibt nicht bei der Diagnose stehen, sondern zeigt auf der Grundlage seiner Befunde mögliche Handlungsoptionen auf. Hinzu kommen Anhörungen parlamentarischer Kommissionen, etwa zum Leistungsschutzrecht für journalistische Inhalte gegenüber Plattformen oder zur Neukonzessionierung der SRG.


Was interessiert Sie am Thema Desinformation besonders?
Mich interessiert am meisten, wie resilient oder vulnerabel eine Gesellschaft wie die Schweiz gegenüber Desinformation ist. Wie stark verbreitete Desinformation Einstellungen und Verhalten tatsächlich verändert, ist nicht immer ganz klar – das müssen wir genau untersuchen. Weder Alarmismus noch Bagatellisierung helfen weiter. Wissenschaftliche Evidenz kann die Debatte versachlichen. Dazu soll auch unser Cluster beitragen.

Was kann ein solches Beratungsnetzwerk leisten, was einzelne Forschende nicht können?
Krisen halten sich nicht an Fachgrenzen. Desinformation hat technologische, wirtschaftliche, politische, psychologische, gesellschaftliche und rechtliche Dimensionen. Eine einzelne Forscherin, ein einzelner Forscher oder auch eine einzelne Disziplin kann diese Vielfalt nicht abdecken.

Deshalb bringt der Cluster Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen und Institutionen zusammen. Die Zusammenarbeit beginnt zudem nicht erst dann, wenn eine Krise eingetreten ist. Wir erfassen schon jetzt die vorhandenen Kompetenzen und entwickeln gemeinsame Arbeitsweisen. Bei einer konkreten Anfrage können wir dadurch rasch ein interdisziplinäres Team zusammenstellen.

In einer Krise genügt es nicht, kurzfristig einzelne Expertinnen und Experten beizuziehen.

Mark Eisenegger

Gibt es ein Erlebnis in den letzten Jahren, das Ihnen persönlich gezeigt hat, wie wichtig wissenschaftliche Beratung geworden ist?
Am deutlichsten hat mir das die Corona-Pandemie vor Augen geführt. Wir haben am fög in zwei Studien untersucht, wie die Schweizer Medien über die erste und die zweite Pandemiewelle berichteten. Wissenschaftliche Expertise war damals enorm gefragt und in der Öffentlichkeit und in Medien sehr präsent. Gleichzeitig zeigte sich, wie schwierig es ist, unter Zeitdruck gesichertes Wissen, vorläufige Befunde und Unsicherheiten verständlich einzuordnen.

Auffällig war auch, dass vor allem medizinische Fachrichtungen zu Wort kamen, obwohl die Pandemie praktisch alle Bereiche der Gesellschaft betraf. Andere Perspektiven, etwa aus den Sozialwissenschaften, waren deutlich weniger sichtbar. Für mich war das eine wichtige Erfahrung: In einer Krise genügt es nicht, kurzfristig einzelne Expertinnen und Experten beizuziehen. Es braucht frühzeitig aufgebaute, interdisziplinäre Strukturen und einen kontinuierlichen Austausch zwischen Wissenschaft und Behörden. Genau dafür wurde das Nationale Netzwerk geschaffen.

Das Netzwerk soll die Politik beraten, aber selbst keine Politik machen. Wo verläuft diese Grenze?
Unsere Rolle lässt sich mit dem Konzept des «Honest Broker» beschreiben. Wissenschaftliche Beratung liefert nicht einfach nur einzelne Fakten, sie schreibt der Politik aber auch keine bestimmte Entscheidung vor. Wir bereiten den Stand des Wissens auf, zeigen Unsicherheiten und wissenschaftliche Kontroversen und stellen verschiedene Handlungsoptionen mit ihren möglichen Chancen, Risiken und Folgen dar.

Politische Entscheidungen beziehen neben wissenschaftlichen Erkenntnissen auch Werte, Interessen, rechtliche Erwägungen und gesellschaftliche Abwägungen ein. Dafür tragen die demokratisch legitimierten Organe die Verantwortung. Wir schaffen eine möglichst gute Entscheidungsgrundlage, nehmen die Entscheidung aber nicht vorweg.

Unsere Rolle lässt sich mit dem Konzept des ‹Honest Broker› beschreiben.

Mark Eisenegger

Wie lässt sich dabei die Unabhängigkeit der Wissenschaft gegenüber den Behörden gewährleisten?
Die Behörden formulieren ihren Beratungsbedarf. Wie wir die Fragen wissenschaftlich bearbeiten und wie wir die Ergebnisse einordnen, entscheiden wir als Forschende selbst. Wir werden finanziell nicht entschädigt und unterliegen keinen Weisungen.

Zur Unabhängigkeit gehört für mich auch, Themen aufzugreifen, die politisch vielleicht gerade nicht im Zentrum stehen. Entscheidend sollten ihre wissenschaftliche und gesellschaftliche Relevanz sein, nicht ihre politische Opportunität.

Fundierte Forschung braucht Zeit, in einer Krise müssen Entscheidungen aber oft schnell fallen. Wie lässt sich dieser Widerspruch lösen?
Ganz auflösen lässt er sich nicht. Der Schlüssel liegt deshalb in der Vorbereitung. Wir vernetzen die Fachleute bereits vor einer Krise, kennen ihre Kompetenzen und beschäftigen uns mit wiederkehrenden Mustern – etwa mit der Frage, welche Faktoren eine Gesellschaft gegenüber Desinformation resilient oder vulnerabel machen.

Im Krisenfall muss die Wissenschaft dann die beste verfügbare Evidenz zusammenführen und klar unterscheiden: Was ist gut belegt, was ist plausibel, und was wissen wir noch nicht? Gerade bei neuartigen Krisen wird es häufig keine eindeutigen Antworten geben. Diese Unsicherheit darf man nicht verdecken. Wissenschaftliche Beratung muss auch Wissenslücken sichtbar machen.

Der Beratungscluster befindet sich noch im Aufbau. Was geschieht als Nächstes?
Die personellen Strukturen stehen. Jetzt geht es darum, ihre Kompetenzen systematisch zu erfassen, gemeinsame Arbeitsweisen zu entwickeln und die Zusammenarbeit mit den zuständigen Bundesstellen zu konkretisieren.

Ein wichtiger Schritt ist unser erstes Symposium am 25. November an der Universität Zürich. Es verbindet die interne Vernetzung des Clusters mit dem Austausch nach aussen. Dort wollen wir die Forschungsschwerpunkte, Methoden und verfügbaren Datenbestände der Mitglieder kennenlernen und eine Art Wissenslandkarte erstellen. So können wir bei einer Anfrage rasch erkennen, wer über die passende Expertise verfügt. Am Abend findet zudem ein öffentliches Podiumsgespräch mit internationalen Expertinnen und Experten zum Thema statt.