Unternehmerisch denken und handeln
Rund 20 Studierende sitzen in einem Kreis. Der Reihe nach stellt jede Person ihre Idee für ein Projekt oder Start-up vor: Welches Problem will ich damit lösen? Und wie gehe ich das an? Anschliessend bilden die Teilnehmenden Kleingruppen, um die erfolgversprechendsten Ideen weiter zu verfolgen.
Gregor von Rohr, Student der Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre, ist einer von ihnen. Er ist fasziniert von der Idee einer Medizinstudentin: Ihr schwebt eine Webplattform vor, die es einfacher macht, schweizweit Teilnehmende für klinische Studien zu finden. Die Gruppe kommt zustande und macht sich an die Arbeit: Die Idee ausarbeiten, technische Hindernisse identifizieren, mögliche Kooperationspartner diskutieren, über die Finanzierung brüten.
Fachübergreifende Bezugspunkte
Der Ort des Geschehens: das «Entrepreneurship Bootcamp», eine Lehrveranstaltung des UZH Innovation Hubs. Bevor die Studierenden sich zu konkreten Projektgruppen formieren, eignen sie sich im Rahmen des Kurses grundlegendes Wissen zu Innovation und Unternehmertum an. Dazu ist die Veranstaltung inter- und transdisziplinär gestaltet, setzt also sowohl fachübergreifende als auch ausserakademische Bezugspunkte. Dozierende der UZH aus den Fächern Psychologie, Pädagogik und Ökonomie sind ebenso beteiligt wie Praktikerinnen und Praktiker aus der Unternehmenswelt.
Die Bootcamps wollen die Studierenden für die Welt von Innovation und Unternehmertum motivieren. Dazu sollen die Teilnehmenden auch gleich entsprechende Kompetenzen erwerben und praktisch anwenden können.
Wie Teams funktionieren
Gregor von Rohr ist das Unternehmertum nicht völlig fremd. Schon in der Kantonsschule gründete er mit Mitschülerinnen und Mitschülern ein kleines Unternehmen. Als er im Herbst 2024 mit dem Studium an der UZH begann, war für den vielseitig interessierten 21-Jährigen klar, dass er seine Kompetenzen im Bereich Innovation und Unternehmertum vertiefen will. Das «Entrepreneurship Bootcamp» kam da wie gerufen.
Was ihn besonders interessierte war die Frage: Wie kommuniziere ich in einem interdisziplinär zusammengesetzten Team? Wie kann ich eine Information so vermitteln, dass sie bei den Zuhörenden auch hängenbleibt? Im Bootcamp erfuhr er viel darüber, wie man sich über die Fachgrenzen hinweg verständigt, wie man konstruktive Feedbacks gibt und wie kreative und produktive Teams entstehen.
![]()
Das Bootcamp brachte Menschen mit unterschiedlichem fachlichem Hintergrund zusammen, die sonst kaum zusammenfinden würden.
«Das Bootcamp brachte Menschen mit unterschiedlichem fachlichem Hintergrund zusammen, die sonst kaum zusammenfinden würden», sagt von Rohr. Es ermöglichte ihm, aus den gewohnten Denkmustern und Prägungen auszubrechen. Dabei half ihm, dass die Studierenden untereinander nicht in Konkurrenz standen. «Wir waren wie eine junge Familie, alle zogen am selben Strang», sagt von Rohr. «Ein Start-up ist zu Beginn wie ein hilfsbedürftiges Baby, dem man auf die Beine helfen will. Das geht nur gemeinsam.»
Die Arbeitswelt von morgen
Ob das Baby «Start-up» im Rahmen des Bootcamps tatsächlich das Licht der Welt erblickt, ist sekundär. Das Bootcamp ist primär Übungsfeld. Wenn Studierende die Gründung eines Unternehmens realitätsnah durchspielen, können sie dabei wertvolle Kompetenzen erwerben – zum Beispiel, sich in fachlich gemischten Teams zielführend zu organisieren.
«Wir wollen unsere Absolvierenden befähigen, über die Fachgrenzen hinweg innovativ und unternehmerisch zu denken und handeln», sagt Maria Olivares, Leiterin Innovation an der UZH. «Denn egal ob als Unternehmerin oder Arbeitnehmer: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit an Projekten und Innovationen wird die Realität der Arbeitswelt von morgen sein.»
Dabei seien vor allem Kompetenzen wichtig, die man in heterogen zusammengesetzten Teams erwirbt: offen sein, reflektieren, Probleme identifizieren und gemeinsam Lösungen erarbeiten. Denn: «Spannende und erfolgreiche Innovationen entstehen meistens dort, wo Personen mit unterschiedlichen fachlichen Hintergründen ihre Perspektiven zusammenbringen und gemeinsam an neuen Ideen arbeiten», so Olivares. Deshalb sind die Bootcamps inter- und transdisziplinär konzipiert.
Ein neues Angebot
Mehr als 150 Studierende der UZH haben seit 2019 am «Entrepreneur Bootcamp» der UZH teilgenommen. In Zukunft wird dieses Format auch in einer weiterentwickelten Form angeboten. Um inter- und transdisziplinäre Lehre weiter zu fördern, wird die UZH ab Herbst 2026 auf Initiative der Prorektorin Forschung Elisabeth Stark zusätzlich ein dreisemestriges Minor-Studienprogramm in «Innovation & Entrepreneurship» anbieten (siehe Kasten weiter unten). «Dieses Vorhaben ist ein strategisch wichtiger Schritt, um die Vermittlung von Innovation und Entrepreneurship voranzutreiben und frühzeitig in der akademischen Ausbildung zu verankern – es ist ein zukunftsweisender Impuls für die Universität Zürich», sagt die Prorektorin. Es soll nicht nur die interdisziplinäre Ausbildung stärken, sondern auch ein fruchtbares Umfeld zur Förderung unternehmerischer Talente schaffen.
Das Minor-Programm richtet sich als eigenständiges Nebenfach an Studierende, die noch tiefer ins Thema eintauchen und ein breiteres methodisches Wissen dazu erwerben wollen. Die bisherigen Bootcamp-Module werden weiterentwickelt und in neuer Form in das Minorprogramm integriert. Sie können aber auch weiterhin als einzelne Module von Studierenden gewählt werden, die dem Thema Innovation nicht ein ganzes Nebenfach widmen wollen.
Was die beiden Angebote gemeinsam haben: «Wir wollen damit wie schon bei den Bootcamps Studierende aller Fachrichtungen ansprechen», sagt Jan Fülscher. Der Unternehmer und Start-up-Berater unterstützt das Team von Maria Olivares dabei, künftige, unternehmerisch ausgerichtete Lehrangebote zu konzipieren. Im Vergleich zu anderen Institutionen, die häufig einseitig auf Hightech fokussieren, spricht die UZH in ihren Innovations-Kursen Studierende aller Fachrichtungen an, sagt Jan Fülscher: «Innovation ist in allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen relevant. Die innovative Juristin braucht es ebenso wie den innovativen Biologen.»
Chancen nutzen
Über die Fachgrenzen hinweg offen und lernbegierig sein: Diesem Grundsatz will auch Gregor von Rohr treu bleiben. Sein nächster Schritt führt ihn in ein Austauschjahr in den USA. Wenn er danach an die UZH zurückkehrt, wird er sich weiterhin nach inter- und transdisziplinären Lehrangeboten umschauen, um sich das Rüstzeug für eine selbstbestimmte Zukunft zu beschaffen. Denn für ihn ist klar: Das Leben ist nicht als gerade Linie vorgezeichnet und hält viele Möglichkeiten und Überraschungen bereit. Darauf will er sich vorbereiten.