Beim «Tatort» spielt auch UZH-Forschung mit
Menschen mit Behinderungen sind noch immer nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es gibt viel Verbesserungspotenzial – zum Beispiel beim Zugang zu Informationen. Das hat auch der Bund erkannt und unterstützt mithilfe der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung Innosuisse seit März 2022 ein Forschungsprojekt zu sprachbasierter Unterstützungstechnologie.
Ziel ist es, durch KI-generierte, automatische Sprachverarbeitung mehr und bessere Inhalte für Menschen mit Seh-, Hör- oder kognitiven Beeinträchtigungen zur Verfügung zu stellen. Angewandt werden sollen diese Technologien in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, so zum Beispiel beim Fernsehen, in Vorlesungen oder auch beim Erlernen von Gebärdensprache.
Das transdisziplinäre Flagship-Projekt ist mit 12 Millionen Franken über vier Jahre dotiert und wird von Sarah Ebling geleitet. Sie ist Professorin am Institut für Computerlinguistik an der Universität Zürich. Es sind Forschende von sechs Institutionen beteiligt, darunter von der UZH, der ZHAW und der Hochschule für Heilpädagogik. Zudem sind sechs Anwendungspartner mit an Bord, darunter die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG, verschiedene Bundesämter, der Schweizer Gehörlosenbund oder die Zürich Versicherung.
Bessere Untertitel und Warnmeldungen
Das Ziel ist allen Beteiligten gemein: Sie wollen ihre computergestützte Technologie verbessern, damit Menschen mit Behinderungen die zur Verfügung gestellten Informationen und Dienstleistungen barrierefrei nutzen können. So möchte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz bei unmittelbarer Gefahrenlage mittels vereinfachter Sprache Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen über Push-Meldungen erreichen.
Für Blinde verfeinert beispielsweise die SRG-Tochter SwissTXT die akustischen Beschreibungen des Geschehens auf dem Bildschirm – etwa beim sonntäglichen Krimi «Tatort». Und beim welschen Fernsehen RTS läuft gerade ein Versuch, den Wetterbericht durch automatisierte Gebärdensprache Gehörlosen zugänglich zu machen.
Dabei verbessern die Forschenden kontinuierlich die computergestützte Verarbeitung, welche vereinfachte Texte, akustische Beschreibungen oder Gebärdensprache erzeugt. Die Partner aus der Wirtschaft testen die Technologie dann und geben Rückmeldung – ein ständiges Austauschen von Strategien, Informationen und Anpassungen, was nicht immer reibungsfrei vor sich geht.
Forschung und Industrie spannen zusammen
«Die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie war teilweise sehr herausfordernd. Da galt es, vorausschauend die unterschiedlichen Erwartungen auszutarieren», erinnert sich Projektleiterin Sarah Ebling. Sie lächelt, und es schwingt etwas Stolz mit, wenn sie sagt: «Aber wir haben es überraschend gut geschafft – sicher auch, weil wir seit Jahren mit einigen Partnern in anderen Projekten involviert sind.»
Die Zusammenarbeit mit den Behindertenverbänden und Betroffenen war ebenfalls sehr eng. Ihr Feedback wurde konsequent im Projekt eingebunden. «Wichtig war uns auch, dass die Assistenztechnologien für Behinderte nur dort eingesetzt werden, wo die menschliche Hilfestellung nicht gewährleistet werden kann – also etwa, wenn es eine Gebärdendolmetscherin zum Beispiel spät am Abend bräuchte», sagt Ebling.
Industriepartner entwickeln weiter
Per Ende April wird das «Flagship»-Projekt abgeschlossen. Am öffentlichen Anlass vom 20. Januar in Bern werden die Ergebnisse der breiten Öffentlichkeit vorgestellt (siehe Kasten). Anschliessend sollen die erarbeiteten Technologien von den Umsetzungspartnern autonom weiterentwickelt werden. Parallel dazu sind weitere Forschungsprojekte in diesem Themenfeld geplant, um noch offene Fragen aufzugreifen, wie Ebling erklärt.
Abschlussevent des Innosuisse Flagship-Projekts
Am Dienstag, dem 20. Januar 2026 findet von 13:00 Uhr bis 18:00 Uhr in Bern die öffentliche Informationsveranstaltung zum Abschluss des Innosuisse Flagship-Projekts «Inclusive Information and Communication Technologies» (IICT) statt. Im Zentrum steht die Präsentation konkreter Anwendungen, die mit den Umsetzungspartnern entwickelt wurden. Diese Demos werden eingerahmt von einem Referat zum Einfluss von KI auf die Entwicklung von assistiven Technologien sowie Beiträgen zu grundlegenden Fragen rund um Behindertenpolitik und Gesellschaft.
Die Veranstaltung wird unter anderem durch die Allianz Digitale Inklusion Schweiz (ADIS) organisiert. Die UZH ist seit Anfang Januar als erste Universität Mitglied der ADIS. Die Verbindung aus Behörden, Unternehmen, Verbänden, Bildungs- und Forschungsinstitutionen will sich für eine gerechte und inklusive digitale Gesellschaft einsetzt.
Auch ihr ist bewusst, dass es noch viel zu tun gibt, um eine umfassende Inklusivität von behinderten Menschen zu erreichen. «Meine Vision wäre es beispielsweise, dass mehr Veranstaltungen an der UZH in Gebärdensprache gedolmetscht werden. Da liegt noch viel Potential bei Studierenden wie Mitarbeitenden brach», ist die Professorin überzeugt.