In Stein gemeisselte Geschichte
Im heutigen Bergama, einer Stadtgemeinde der türkischen Provinz Izmir, kann es den Bewohnern und Bewohnerinnen schon mal passieren, dass ihnen bei der Gartenarbeit ein Schatz in die Hände fällt. Leben sie doch am Fuss des Stadtbergs der legendären historischen Stadt Pergamon, Herrschersitz der hellenistischen Attaliden-Dynastie vom 3. bis 2. Jh. v. Chr. und ab dem 1. Jh. v. Chr. bis in die Spätantike Metropole der römischen Provinz Asia. Heute ist Pergamon Unesco-Weltkulturerbe und ein kultureller Hotspot. Fast jedes Stück Stein birgt Geschichte und Geschichten. «Unsere Forschung ist Work-in-Progress», sagt Andreas Victor Walser.
Um zu veranschaulichen, was er damit meint, erzählt der Epigraphiker und Professor für Alte Geschichte diese Anekdote: Ein lokaler Archäologe rief ihn nach Pergamon mit der Nachricht, auf einem Privatgrundstück sei ein ausserordentlicher Fund gemacht worden. Eine Familie hatte in ihrem Garten den zugewachsenen Zugang eines alten Kanals entdeckt. Der Sohn sei in den Kanal gestiegen und habe dort «etwas» gesehen. Walser kroch dann selber in den Kanal, ausgerüstet mit einer Stirnlampe, drang er etwa 15 Meter tief vor. Und tatsächlich: Da war etwas – eine ungewöhnlich grosse, 120 cm hohe und 58 cm breite hellenistische Inschrift war als Deckenplatte im antiken Abwasserkanal verbaut worden.
Ins Alltagsleben eintauchen
Andreas Victor Walser erforscht solche Inschriften. «Durch sie erfährt man viel über das Leben in der Antike», erklärt der Historiker. In Stein wurde gemeisselt, was öffentlich präsentiert und dauerhaft festgehalten werden sollte. Am häufigsten sind das Grabinschriften, aber auch religiöse Weihinschriften und Ehreninschriften. «Am spannendsten sind öffentliche Urkunden», sagt Walser. Das kann zum Beispiel der Beschluss einer Volksversammlung sein, ein Gesetzestext, ein Stiftungsdokument oder ein Testament.
Die Steine erzählen persönliche Geschichten. Plötzlich beginnt die alte Stadt zu leben. «Während in der Geschichtsschreibung die grossen Ereignisse dargestellt werden, ist man in der Epigraphik ganz nah bei den Menschen von damals», sagt Walser begeistert, «mit den Inschriften kann man ins Alltagsleben eintauchen.»
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Während in der Geschichtsschreibung die grossen Ereignisse dargestellt werden, ist man in der Epigraphik ganz nah bei den Menschen von damals.
Eine solche Geschichte erzählt auch die Inschrift im alten Kanal. Darin geht es um einen Beschluss der Gerousia, des Ältestenrats. Anfang der 80er-Jahre des 1. Jh. v. Chr. hatte der Pergamener Menophantos – ein reicher Bürger der obersten Elite – testamentarisch festgehalten, dass er der Stadt und verschiedenen städtischen Organisationen Geld stiften wolle. Noch bevor aber das Testament umgesetzt werden konnte, brach ein Krieg aus und das ganze Vermögen ging verloren.
Der Ältestenrat tagte darüber, wie man dem Willen des Verstorbenen gerecht werden und die Stiftung doch noch realisieren könnte. Ausführlich wurde in den Stein gemeisselt, wer wie viel Geld beisteuern sollte – die einen freiwillig, die anderen gezwungen. 4805,5 Drachmen sollen zu einem bestimmten Zinssatz angelegt werden, aus den jährlichen Zinsen sollen für eine Feier Schweinefleisch, Schaffleisch und Wein herbeigeschafft werden. Detailliert wurde festgehalten, wer für die Rechnungsprüfung zuständig ist und wie die Stiftung organisiert sein sollte. Weil diese Regelungen auf ewig gelten sollten, wurden sie in eine Marmorstele gehauen.
Aus der Botschaft wird Baumaterial
«In der Regel werden antike Inschriften nicht dort gefunden, wo sie ursprünglich standen», erklärt Walser. In diesem Fall war die Inschrift ursprünglich im Gymnasium von Pergamon aufgestellt, einer Art Elite-Trainingsstätte, wo jugendliche Bürger sich zur sportlichen und geistigen Bildung trafen. Die Inschrift wurde, wie die meisten dieser Art, bereits in der Antike entfernt und verbaut. Was zu einer bestimmten Zeit als Botschaft relevant war, diente in der nächsten als Baumaterial. So findet man Bruchstücke von in Stein gemeisseltem Leben in Pergamon im ganzen Umland zerstreut und vermauert.
Schon im 19. Jahrhundert machten sich Archäologen von Berliner Museen auf nach Pergamon, um dort nach antiken Schätzen zu graben. Damals wurden die Funde geborgen und abtransportiert, um sie in Berlin der Öffentlichkeit zu präsentieren. Heute bleiben die Fundstücke vor Ort. Neufunde, so Walser, werden zuerst dokumentiert, beschrieben und fotografiert. Dann wird ein sogenannter Abklatsch gemacht, um die Inschrift zu reproduzieren. Dabei wird ein feuchtes Papier auf die Inschrift geklatscht, das beim Trocknen ein Negativ des Reliefs hergibt, das die Epigraphiker:innen dann entziffern.
Digitale Zeitreisen
«Die Inschriften von Pergamon sind etwa zur Hälfte geborgen», sagt Walser. Max Fränkel hat 1890 und 1895 in zwei wegweisenden Bänden die «Inschriften von Pergamon» herausgegeben. 1969 kam ein dritter Band von Christian Habicht über die «Inschriften des Asklepieions» dazu. Heute entsprechen die drei Bände allerdings nicht mehr dem zeitgemässen Stand der Forschung.
Mit dem grossangelegtenSNF-Projekt iPergamon überführt Andreas Victor Walser mit seinem Team die Inschriften von Pergamon nun ins digitale Zeitalter. Ziel ist, ein digital ediertes Corpus der Inschriften zur Verfügung zu stellen, das auch für ein breiteres, interdisziplinär interessiertes Publikum verfügbar ist. Dabei werden die Inschriften abgebildet, inhaltlich und historisch erschlossen, kontextualisiert, kommentiert und übersetzt.
So wird man in Zukunft Zeitreisen in die ferne Vergangenheit machen können, wenn man im digitalisierten Corpus stöbert. Nicht nur die grossen Tafeln mit Beschlüssen, Gesetzestexten und Ehrungen sind interessant. Auch kleinere Tafeln – manche mit schiefer oder unregelmässig gehauener Schrift – erzählen spannende Geschichten. Da fällt etwa eine kleine Bronzetafel mit Doppelohr auf. In der Inschrift dankt jemand Apollon für seine Heilung. Vermutlich litt der Mann an einer Ohrenkrankheit. Oft verbrachten die Menschen die Nacht im nahegelegenen Heiligtum des Asklepios und schliefen den sogenannten Heilschlaf, in der Hoffnung, dass ihre Bitte um Genesung erhört würde. Mit einer Weihung bedankten sie sich für die erfolgte – oder vielleicht auch erst erhoffte – Heilung.
Zeugnisse einer kulturellen Blütezeit
Aber auch in weiteren zahlreichen kleineren Steintafeln erfährt man so manches aus dem Alltagsleben einer griechischen Stadt. Jeder und jede konnte sich einen Stein greifen und reinhauen, was er oder sie für wichtig hielt – sofern er oder sie das Schreiben beherrschte. Es gibt Graffiti, wo jemand auf der Rückseite einer Inschrift seine Schreibkünste ausprobierte und ungelenk Alpha, Beta, Gamma in den Stein meisselte.
«Das grosse Glück von Pergamon als archäologische Stätte ist, dass die moderne Besiedlung nicht auf dem Stadtberg, sondern in der Ebene stattgefunden hat», erklärt Walser. Dadurch sind besonders viele Zeugnisse der grossartigen kulturellen Blütezeit erhalten. Die attalidischen Könige hatten viel investiert in die Stadtgestaltung und die Kunst im öffentlichen Raum und verhalfen der Region zu einer aussergewöhnlichen kulturellen Ausstrahlung. Der letzte König der Dynastie, Attalos III., starb 133 v. Chr. kinderlos.
Vor seinem Tod fällte er einen bemerkenswerten Entschluss: Er liess Pergamon nicht untergehen, sondern hielt testamentarisch fest, dass er sein Reich den Römern vermache. Und tatsächlich überlebte die Stadt und erblühte – nach schwierigen Jahren – ein zweites Mal im 1. und 2. Jh. n.Chr. als römische Metropole. Von den Blütezeiten der hellenistischen Residenzstadt sowie der kaiserzeitlichen Metropole wird man im digitalen Corpus iPergamon reichlich Zeugnisse finden können.
Römisches Militärdiplom
Orts- und Zeitwechsel: Wir befinden uns in einer römischen Provinz, 79 n.Chr. Der Legionär Gusula nimmt stolz ein gewichtiges Diplom in Empfang. Nach 25 Jahren Dienst in den Hilfstruppen der römischen Armee wird der Thraker mit dem römischen Bürgerrecht für sich und seine Kinder sowie dem Recht zu einer Ehe mit einer nichtrömischen Frau belohnt. Das bezeugt die Inschrift auf einer Doppelurkunde aus Bronze, ein römisches Militärdiplom. Dieses Dokument, das Gusula vor fast 3000 Jahren in den Händen hielt, kann man heute neben vielen anderen Inschriften mit einem Klick in der Epigraphik-Datenbank EDCS anschauen.
Anne Kolb, Epigraphikerin und Professorin für Alte Geschichte, leitet das Projekt: Die weltweit grösste Datenbank, die über eine halbe Million lateinische Inschriften erschliesst, bietet Forschenden und interessierten Laien Zugang zu wertvollen antiken Quellen. Das Militärdiplom von Gusula etwa ist dokumentiert mit Foto, Transkription der Inschrift, Fundort und Datum. Anders als das iPergamon-Projekt ist die Epigraphik-Datenbank EDCS keine digitale kritische Edition, sondern dient in erster Linie als umfangreiche Suchmaschine, die effiziente Unterstützung bei der Quellenrecherche und beim Quellenvergleich bietet.
Vergrabene Verfluchungen
Die häufigsten Inschriften stammen von Gräbern, gut 190'000 listet die Suchmaschine. Wichtig sind monumentale Inschriften wie beispielsweise Staatsurkunden, die zentrale Ereignisse dokumentieren. Insgesamt gibt es in der Datenbank 38 Kategorien. Neben Weihinschriften, Grabinschriften, Bauinschriften, Militärdiplomen, Ehreninschriften, Epigrammen, Senatsbeschlüssen, Besitzerinschriften und Meilensteinen findet man auch überraschende Kategorien wie etwa Fluchtafeln (defixiones) oder Augensalben-Stempel (signacula medicorum). In römischer Zeit waren Augenleiden sehr verbreitet und, als die Medizinkunst schon gut entwickelt war, florierte auch das Geschäft mit Augensalben, erklärt Kolb. Immerhin 309 solche Inschriften führt die Datenbank auf. «Die Hersteller haben damit ihren Namen direkt in die Salbe gedrückt», sagt Kolb.
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In der Antike dienten Meilensteine zur Orientierung. Heute geben sie Aufschluss über den Verlauf des römischen Strassennetzes.
Offenbar wurde auch ganz schön geflucht oder vielmehr verflucht. 983 Defixiones, Fluchtafeln, hat die Epigraphik-Datenbank archiviert. Wollte beispielsweise eine Frau ihren Mann verfluchen, weil er sie mit einer anderen betrogen hatte, ritzte sie mit einem rostigen Nagel einen geheimnisvollen Zauberspruch mit wüsten Verwünschungen auf ein Bleitäfelchen, rollte es zusammen und vergrub es an einem kultischen Ort. Gerne zog man dafür auch Fachleute zu Rate. «Vor den Heiligtümern und Kultstätten sassen die Profis und warteten auf Aufträge», erklärt die Altertumswissenschaftlerin.
Anne Kolb haben es die Meilensteine, die Miliaria, angetan. Diese ragten einst 1,5 bis 2 Meter, in Ausnahmefällen gar 3 Meter hoch aus dem Boden. Sie erzählen uns auch heute noch so einiges. «In der Antike dienten sie zur Orientierung. Heute geben sie Aufschluss über den Verlauf des römischen Strassennetzes», erklärt Kolb.
Sie hat das Bild eines Exemplars aus der Datenbank aufgerufen, das auf der Verbindungsstrasse von Norditalien an die Donau stand, der Via Claudia Augusta. Die Entfernung von Augusta Vindelicorum (Augsburg) beträgt 40 römische Meilen, so heisst es auf dem Miliarium. Stünden wir als Römerin oder Römer vor der Steinsäule, würden wir seufzen: noch anderthalb Tage bis nach Augsburg, der nächsten Stadt in der Provinz Raetia.
Visitenkarten des Kaisers
Anne Kolbs epigraphischer Blick liest noch viel mehr aus der Inschrift. Auf dem Meilenstein kann der Kaiser seine Macht und seine Ideologie demonstrieren. «Er inszeniert sich beispielsweise als Eroberer, indem er seine Siegesbeinamen auflistet, oder er zeigt sich als wohlhabend, indem er die Strassen und Brücken nennt, die er aufwendig renoviert hat», erklärt die Forscherin. Bei einigen Meilensteinen sind auch die Statthalter genannt, die für die Pflege der Strassen zuständig waren. Solche Informationen geben Einblick in Verwaltung und Reichsorganisation.
Gibt es, abgesehen von der Sprache, Unterschiede zwischen den lateinischen und den hellenistischen Inschriften von Pergamon? Auffallend ist allenfalls, dass hellenistische Tafeln in kleineren Schriften beschrieben sind. «Römische Inschriften sind grösser, ausserdem sind sie mit vielen Abkürzungen versehen», sagt Anne Kolb. Hadrian wusste jedenfalls, dass alle wissen, wer mit IMP CAES HADR AVG gemeint ist. Ausgedeutscht bedeutet das: Imperator Caesar Hadrianus Augustus.