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Pride-Monat

LGBTIQ+ Gesundheit weltweit im Blick

Für ein globales Forschungsprojekt kommen in dieser Woche Fachpersonen aus Wissenschaft, LGBTIQ+ Organisationen und Gesundheitsinstitutionen an die Universität Zürich (UZH). Gemeinsam diskutieren sie, wie LGBTIQ+ Personen weltweit gesünder und sicherer leben können. Studierende, Nachwuchsforschende und Mitarbeitende der UZH sind eingeladen, sich mit den internationalen Gästen auszutauschen.
Autor: Barbara Simpson
Pride-Flagge im Overlay über enie Menschenansammlung
Heute startet der Kick-off-Workshop des Global LGBTIQ+ Healtch Project an der Universität Zürich. Das Projekt unter Leitung von Tabea Hässler bringt 130 Forschende und Vertreter:innen von LGBTIQ+ Organisationen aus über 70 Ländern zusammen. (Bild: UZH)

Wenn Tabea Hässler über Forschung spricht, fällt ein Wort besonders oft: Brücken. Brücken zwischen Ländern und Kontinenten, zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen Communitys, Politik und Institutionen. An der Universität Zürich (UZH) erforscht Tabea Hässler seit vielen Jahren, wie Diskriminierung, soziale Unterstützung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen das Leben von LGBTIQ+ Personen prägen – also von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans, intergeschlechtlichen und queeren Menschen.

Im Zentrum steht die Frage, was diese Menschen belastet, aber auch, was sie stärkt: nämlich Zugehörigkeit, Sichtbarkeit, rechtliche Anerkennung, Unterstützung im Alltag. «Ich bin in die Sozialpsychologie gegangen, weil ich gesellschaftlichen Impact haben wollte», sagt Tabea Hässler. «Wenn Forschung keine Wirkung entfaltet, fehlt für mich ein zentraler Teil dessen, warum ich Wissenschaft mache.»

Wenn wir immer nur auf das Negative fokussieren, entsteht ein sehr einseitiges Narrativ. Wir möchten auch wissen: Was stärkt LGBTIQ+ Personen?

Tabea Hässler
Professur für Sozialpsychologie

Dieses Brückenbauen begleitet Hässlers Arbeit seit der Dissertation. Schon damals leitete Tabea Hässler ein internationales Projekt mit Forschenden aus 23 Ländern. In der sozialpsychologischen Kontaktforschung ging es darum, wie Begegnungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen Vorurteile abbauen können. Heute steht diese Arbeit an einem neuen Punkt: Mit dem Global LGBTIQ+ Health Project, das mit einem SNSF Starting Grant gefördert wird, baut Hässler ein Netzwerk auf, das 130 Forschende und Vertreter:innen von LGBTIQ+ Organisationen aus über 70 Ländern zusammenbringt.

Der Kick-off-Workshop des Projekts findet vom 23. bis 26. Juni an der UZH statt. Mehrere Veranstaltungen sind öffentlich und richten sich ausdrücklich auch an Studierende, Nachwuchsforschende und Mitarbeitende der UZH (siehe Kasten).

Globale LGBTIQ+ Perspektiven in Zürich

Der Kick-off-Workshop in Zürich ist das erste grosse physische Treffen des neuen Netzwerks. Rund 80 Teilnehmende aus allen Kontinenten werden erwartet. Sie kommen aus den Bereichen Public Health, Sozialpsychologie, klinische Forschung, Community-Arbeit, internationale Organisationen und LGBTIQ+ Verbänden.

Neben dem gemeinsamen Aufbau des Forschungsprojekts geht es um langfristige Zusammenarbeit: Mentoring, Austausch zwischen Karrierestufen und das Bilden von kleinen Projektgruppen, die künftig kontinentübergreifend an Berichten und wissenschaftlichen Publikationen arbeiten. Zusätzlich wird das Projekt durch einen Dokumentarfilm und einen Podcast begleitet. Während LGBTIQ+ Rechte in vielen Ländern unter Druck geraten, erhält dieses Treffen an der UZH im Pride-Monat besonderes Gewicht.

«Die Welt ist zu Gast in Zürich», sagt Hässler. «Für Studierende, Nachwuchsforschende und Mitarbeitende ist das eine besondere Gelegenheit, mit Menschen aus allen Kontinenten ins Gespräch zu kommen.»

Eine Gelegenheit dazu bietet sich bei der öffentlichen Podiumsdiskussion «Standing United Against Global Backlash» am Dienstag, 23. Juni, um 18:30 Uhr in der Zentralbibliothek Zürich. Projektpartner:innen aus Afrika, Asien, Europa, Nordamerika, Lateinamerika und Ozeanien berichten über die Situation vor Ort und diskutieren, warum internationale Zusammenarbeit im aktuellen politischen Klima nötig ist. Tabea Hässler moderiert die Diskussion.

Am Mittwoch, 24. Juni, ab 9 Uhr folgen öffentliche Vorträge in der Aula der UZH. Forschende und Praxispartner:innen geben Einblicke in die Situation von LGBTIQ+ Personen weltweit. Den Abschluss bildet am Freitag, 26. Juni, ab 16 Uhr ein Ausblick auf die nächsten Schritte des Global LGBTIQ+ Health Project mit anschliessendem Apéro.

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Gesundheit, Sicherheit und Zugehörigkeit

Das globale Projekt untersucht Faktoren, die für die Gesundheit von LGBTIQ+ Personen relevant sind: Diskriminierung, Sicherheit, rechtliche Anerkennung, soziale Unterstützung und Zugehörigkeit. Ausgrenzung beginnt oft im Alltag – mit abwertenden Witzen, falschen Anreden oder Formularen, die Menschen nicht abbilden. Hinzu kommen strukturelle Benachteiligung, Mobbing, sexuelle Belästigung und körperliche Gewalt.

Viele LGBTIQ+ Personen müssen deshalb ständig abwägen: Wo bin ich sicher? Wem kann ich von meiner Partnerperson erzählen? Wann kann ich meinen Namen oder meine Pronomen nennen? Wann ist Schweigen die bessere Option? In der Forschung wird dieses Phänomen als Minderheitenstress beschrieben: zusätzlicher, chronischer Stress, der mit der Zugehörigkeit zu einer stigmatisierten Gruppe verbunden ist. Studien zeigen, dass solcher Stress psychische und körperliche Folgen haben kann.

Ebenso wichtig ist die Frage, unter welchen Bedingungen es LGBTIQ+ Personen gut geht. «Wenn wir immer nur auf das Negative fokussieren, entsteht ein sehr einseitiges Narrativ», sagt Hässler. «Wir möchten auch wissen: Was stärkt LGBTIQ+ Personen?» Konkret geht es darum, welche Unterstützung in Familien, Partnerschaften, Schulen, Universitäten, Gesundheitsinstitutionen, am Arbeitsplatz oder in Communitys wirkt.

Auch an der UZH sieht Hässler konkrete Ansatzpunkte, wie solche Unterstützung im Alltag sichtbar gemacht werden kann. Wichtige Signale seien zum Beispiel die Regenbogenflaggen vorm Hauptgebäude, genderneutrale Toiletten, inklusive Formulare und Anreden sowie Beispiele in Lehre und Forschung, die unterschiedliche Lebensrealitäten selbstverständlich mitdenken. Solche Massnahmen wirkten auf den ersten Blick klein, sagt Hässler, hätten für viele LGBTIQ+ Personen und andere Angehörige sozialer Minderheiten aber eine wichtige Bedeutung: Sie zeigten, «hier bin ich willkommen, hier kann ich ich sein».

Forschung auf Augenhöhe

Bei einem Projekt dieser Grösse liegt die Frage nach der Koordination auf der Hand – eine Vernetzung über 70 Länder ist schliesslich eine enorme organisatorische Leistung. Tabea Hässler sagt, das Netzwerk habe sich «entfaltet»: über Verbindungen aus früheren Forschungsprojekten, Auslandsaufenthalten, Konferenzen und langjährigem Vertrauensaufbau. Im letzten Herbst war das UQ-UZH-Symposium in Australien ein solcher Anlass, um die Forschungszusammenarbeit zu vertiefen und das Global LGBTIQ+ Health Project im asiatisch-pazifischen Raum bekannt zu machen.

Begriffe, Lebensrealitäten und Risiken unterscheiden sich stark zwischen Ländern. In manchen Staaten können LGBTIQ+ Personen heiraten und rechtlich anerkannt leben; in anderen werden gleichgeschlechtliche Beziehungen kriminalisiert oder verfolgt. Auch Coming-out, ein in westlicher Forschung häufig positiv besetztes Konzept, lässt sich nicht überall gleich verstehen. Hässler will deshalb vermeiden, dass ein Team in Westeuropa oder Nordamerika die Forschungsfragen vorgibt und Partner:innen in anderen Regionen nur zur Datensammlung einbezogen werden.

«Globale Forschung funktioniert nur, wenn lokale Expertise von Anfang an einfliesst», sagt Hässler. «Die Menschen vor Ort kennen die gesellschaftlichen Bedingungen, die Communitys und die Sicherheitsfragen viel besser.» Deshalb entwickeln im Global LGBTIQ+ Health Project die Beteiligten den Fragebogen gemeinsam, diskutieren kulturelle Unterschiede und prüfen, welche Fragen überall vergleichbar gestellt werden können und wo regionale Module sinnvoller sind. Neben Forschenden sind Personen aus LGBTIQ+ Organisationen und Praxisfeldern beteiligt.

Dass eine solche Zusammenarbeit gesellschaftliche Wirkung entfalten kann, zeigt auch das Schweizer LGBTIQ+ Panel. Gemeinsam mit Léïla Eisner führt Tabea Hässler seit 2019 diese eigenständige Langzeitstudie zur Situation von LGBTIQ+ Personen in der Schweiz durch. Die Ergebnisse werden allgemein verständlich aufbereitet. «Wir sehen, dass unsere Berichte in der Praxis genutzt werden – von Politik, Kantonen, Städten und Organisationen», sagt Hässler. «Genau diese Übersetzungsarbeit ist entscheidend, um Wissensgräben zu überbrücken.»