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Neues UZH Magazin

Den Menschen verstehen

Die Frage, was der Mensch ist, treibt die Wissenschaft um, seit es sie gibt. Im Dossier des neuen UZH Magazin «Den Menschen verstehen. Was Grundlagenforschung leistet» geben Forschende der UZH aus ganz verschiedenen Disziplinen darauf Antworten.
Autor: Kommunikation
Theologe Konrad Schmid im Kreuzgang des Zürcher Grossmünsters.
Erforscht, wie religiöse Vorstellungen entstanden sind, die uns bis heute beeinflussen: Theologe Konrad Schmid im Kreuzgang des Zürcher Grossmünsters. (Bild: Dan Cermak)

«Was ist der Mensch?» ist die fundamentale Frage, die der Philosoph Immanuel Kant stellte – und vor und nach ihm Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Diese Frage stellt auch das Dossier in der neuen Ausgabe des UZH Magazin. Die Antworten darauf sind vielfältig und oft überraschend – dank der Forschung an der UZH in ganz verschiedenen Disziplinen. Wer verstehen will, wie wir denken, handeln und zusammenleben, muss genau hinschauen – in unsere Geschichte, Sprache, unser Gehirn und unseren Körper, aber auch auf unsere evolutionäre Vergangenheit. Genau das tun die Forschenden, die im Dossier «Den Menschen verstehen. Was Grundlagenforschung leistet» porträtiert werden.

Die Forschenden verbindet ihr Engagement in der Grundlagenforschung. Sie stellen ganz grundsätzliche Fragen und gehen diesen auf den Grund. Doch von Wissenschaft wird heute zunehmend erwartet, dass sie rasch Lösungen liefert und ihren unmittelbaren gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Nutzen nachweist. Diese Erwartungen sind verständlich. Doch sie bergen auch Risiken: Wer Forschung nur danach beurteilt, was sie kurzfristig «bringt», gefährdet genau die Grundlage, auf der die Lösungen von morgen entstehen. Denn bevor wir etwas verändern, behandeln oder verbessern können, müssen wir verstehen, wie es funktioniert.

UZH Magazin 3/26 «Den Menschen verstehen. Was Grundlagenforschung leistet»

Wie wichtig solches Wissen werden kann, zeigt die Immunologie. Jahrzehntelange Grundlagenforschung hat unser Bild des Immunsystems grundlegend verändert. Heute verstehen Forschende wie die Immunologinnen Nicole Joller und Mireia Sospedra immer besser, wie regulatorische T-Zellen Immunreaktionen bremsen, wie Darmbakterien mit der körpereigenen Abwehr zusammenspielen und welche Mechanismen bei Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose aus dem Gleichgewicht geraten. Diese Erkenntnisse haben dazu beigetragen, dass Menschen mit MS heute wesentlich bessere Aussichten haben als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Auch in der Hirnforschung zeigt sich, wie Fortschritt entsteht: Fritjof Helmchen und Esther Stoeckli erforschen, wie sich neuronale Netzwerke entwickeln und wie sie funktionieren. Moderne bildgebende Verfahren machen heute Vorgänge sichtbar, die vor wenigen Jahrzehnten noch unzugänglich waren. Doch die grossen Frage bleiben offen: Wie entstehen aus der Aktivität von Nervenzellen Gedanken, Bewusstsein und unser Ich? Gerade solche offenen Fragen sind der Antrieb für weitere Forschung.

Kriegsethik reflektieren

Das gilt auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Theologe Konrad Schmid zeigt, wie politische Krisen und Fremdherrschaft religiöse Vorstellungen geprägt haben, die bis heute unser Denken über Gleichheit und Menschenwürde beeinflussen. Regina Surber hinterfragt gängige Annahmen der Kriegsethik und untersucht, was militärische Konditionierung mit der moralischen Urteilsfähigkeit von Soldaten macht. John Mansfield erforscht, wie Sprachen die Welt ordnen. Und die Anthropologin Paola Cerrito fragt, weshalb gerade Menschen symbolisch kommunizieren können. Solche Fragen erweitern unser Verständnis davon, wer wir sind und wie unsere Gesellschaft funktioniert.

Fundament für Innovationen

Grundlagenforschung braucht Zeit, Geduld – und Freiheit. Das wird heute schwieriger. Forschende müssen den erwarteten «Impact» ihrer Projekte immer genauer vorwegnehmen, während Bewilligungsverfahren etwa für tierexperimentelle Forschung komplexer werden. Doch Entdeckungen lassen sich nicht vollständig planen. Wer schon im Voraus festlegen muss, was am Ende herauskommt, lässt wenig Raum für das wirklich Neue.

Die UZH-Prorektorin Elisabeth Stark und der Statistiker Servan Grüninger bringen das Problem im Interview auf den Punkt: Grundlagenforschung schafft das Fundament, auf dem spätere Innovationen aufbauen. Ihr unmittelbarer Nutzen ist oft nicht absehbar – und das ist kein Mangel. Die statistischen Modelle und neuronalen Netze, auf denen heutige KI-Systeme beruhen, wurden entwickelt, lange bevor jemand ihre heutigen Anwendungen vorhersehen konnte. Würde nur gefördert, was schon zu Beginn einen konkreten Nutzen verspricht, könnten entscheidende Erkenntnisse gar nicht erst entstehen.