Das Gute würdigen
«Danke. Das war grossartig. Ohne dich hätte ich das nicht geschafft!» Manchmal genügen nur wenige Worte, um eine offene, vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Wir sagen solche Dinge beiläufig, ohne lange zu überlegen – und doch steckt in solchen Sätzen ein moralisches Miniaturwunder. Sie würdigen, was jemand getan hat, und drücken unsere Anerkennung aus. Sie anerkennen eine Handlung nicht nur als erfolgreich, sondern als moralisch gut und lobenswert. Und trotzdem: In der Philosophie, die seit Jahrtausenden fragt, was richtig und was falsch ist, spielt das Loben bislang eine eher untergeordnete Rolle.
Pascale Willemsen möchte das ändern. In ihrem neuen Forschungsprojekt «PRAISE – Shining Light on Praise», das mit einem Starting Grant des Schweizerischen Nationalfonds unterstützt wird, nimmt die experimentelle Philosophin das moralische Lob unter die Lupe. Dabei geht sie nicht von der Theorie aus wie in der Philosophie meist üblich, sondern vom alltäglichen Verhalten gewöhnlicher Menschen. Ihr Ziel ist es, eine empirisch informierte Philosophie des Lobens zu entwickeln – und damit ein Stück menschlicher Moral neu zu denken.
Vorliebe für das Negative
Ein Blick auf wissenschaftliche Studien zu moralischen Fragen zeigt: Sie sind ziemlich einseitig gestrickt. «Wenn wir über Moral sprechen, denken wir fast immer an Schuld, Vergehen, Tadel und Strafe», sagt Willemsen, «aber kaum jemand fragt, warum und wann wir loben.» In der Philosophie, Psychologie und Linguistik wird meist das Negative bevorzugt untersucht. Hunderte Studien widmen sich moralischen Vorwürfen, nur wenige dem Lob.
Wie lässt sich diese Vorliebe für das Negative erklären? Obwohl seit Langem bekannt ist, wie effektiv Lob ist, um das Verhalten – etwa in der Erziehung – zu lenken und zu beeinflussen, scheint es relevanter und einfacher zu sein, andere zu tadeln und zu kritisieren. Wir konzentrieren uns darauf, Schädliches von uns fernzuhalten. Andere sollen uns etwa nicht bestehlen, verletzen oder gar töten. «Moralischer Tadel ist eng verknüpft mit unserer Rechtspraxis», sagt Willemsen.
Wir sind sehr gut darin, moralisches Versagen zu erkennen – aber viel schlechter darin, moralische Exzellenz zu verstehen.
Deshalb verstehen wir heutzutage verhältnismässig gut, was Menschen für moralisch falsch und tadelnswert halten und unter welchen Umständen sie andere sanktionieren wollen. Wie genau die Mechanismen beim Loben funktionieren, ist dagegen weitestgehend unbekannt. Diese Asymmetrie, so Willemsen, ist nicht nur ein akademisches Kuriosum. Sie widerspiegelt eine tieferliegende Haltung: «Wir sind sehr gut darin, moralisches Versagen zu erkennen – aber viel schlechter darin, moralische Exzellenz zu verstehen.»
Vertrauen bilden
Dabei ist das Lob ein zentrales Element des sozialen Lebens. Es motiviert, schafft Vertrauen, formt Gemeinschaft. Wer lobt, zeigt, was er für richtig hält. Wer gelobt wird, erfährt, wofür es sich zu handeln lohnt. «Lob ist das Schmiermittel des moralischen Motors», sagt Willemsen, «ohne läuft das Zusammenleben nicht rund.»
Lange gingen Philosophinnen und Philosophen davon aus, dass Lob und Tadel zwei Seiten derselben Medaille seien – dass man also, vereinfacht gesagt, vom Verständnis des Tadels auf das Lob schliessen könne. «Diese Symmetrieannahme ist tief in der Philosophie verwurzelt», sagt Willemsen. Doch empirische Befunde sprechen dagegen. Menschen reagieren stärker auf Schlechtes als auf Gutes – das ist der so genannte Negativity Bias. Sie erinnern sich länger an Kritik, gewichten Fehler schwerer und reagieren sensibler auf Tadel. Unsere Theorien über die Moral erzählen bislang also nur die halbe Geschichte – die des Scheiterns, nicht die des Gelingens.
Lob ist das Schmiermittel des moralischen Motors. Ohne läuft das Zusammenleben nicht rund.
Lob dagegen ist flüchtiger, oft leise und beiläufig und geht deshalb oft vergessen. «Wir nehmen moralisch gutes Verhalten häufig als selbstverständlich hin», sagt Willemsen. «Es fällt uns leichter, etwas zu verurteilen, als etwas zu würdigen.» Beispielsweise würde uns niemand loben, wenn wir morgens am Arbeitsplatz die Mitarbeitenden grüssen, es wird als selbstverständlich erwartet. Erst wenn wir bereitwillig unsere Ferien für die Kolleg:innen mit schulpflichtigen Kindern opfern oder uns gegen die Vorgesetzten für unsere Kolleg:innen einsetzen, die Erwartung also übertreffen, werden wir vermutlich dafür gelobt. Die Kollegen und Kolleginnen bedanken sich.
Philosophie trifft Empirie
Willemsens Forschungsansatz verbindet Philosophie mit Psychologie und Linguistik. Als Vertreterin der experimentellen Philosophie untersucht sie moralische Fragen nicht nur in der Theorie, sondern sie analysiert, wie Menschen tatsächlich urteilen. «Ich bringe gewissermassen die Philosophie auf die Strasse», sagt sie. Teil ihrer Forschung sind Befragungen, Textanalysen, Online-Experimente. Traditionell fragt Moralphilosophie, was wir tun sollten, nicht, was wir tatsächlich tun. Pascale Willemsen will diese Trennung aufweichen. «Um eine philosophisch anspruchsvolle, aber nicht überfordernde Ethik zu entwickeln, ist es wichtig, zu verstehen, wie Menschen wirklich ticken», sagt sie.
Darum kombiniert PRAISE klassische philosophische Analyse mit empirischen Methoden – psychologische Experimente, statistische Auswertungen und Sprachkorpora, also Sammlungen von gesprochenen und geschriebenen Texten, die zur Analyse des Sprachgebrauchs dienen. In Zusammenarbeit mit Forschenden anderer Disziplinen soll so ein umfassendes Bild etwa davon entstehen, wie wir über moralisch gutes Verhalten sprechen und welche kognitiven Prozesse und Emotionen mit dem Loben verbunden sind oder wann Anerkennung in Ironie oder Überheblichkeit kippt.
Sprachliche Unsichtbarkeit
In einem ihrer Pilotprojekte verglich Pascale Willemsen etwa, wie häufig Wörter wie «praise» (Lob), «admiration» (Bewunderung) oder «gratitude» (Dankbarkeit) im Englischen vorkommen – und in welchen Zusammenhängen. In der Studie hat sich herausgestellt, dass sich Lob selten direkt zeigt. Es verbirgt sich in einzelnen Ausdrücken und Ausrufen wie «wow!» oder «grossartig», in Dankesformeln, oder Ausdrücken der Anerkennung. Wir sagen nicht «Ich lobe dich», sondern «Das war wirklich freundlich von dir». Diese sprachliche Unsichtbarkeit macht das Phänomen für die Philosophin faszinierend – und schwer zu fassen. «Wir loben ständig, aber meist indirekt. Deshalb fällt uns gar nicht auf, wie vielfältig Lob sein kann», erklärt Willemsen.
Feiner Balanceakt
Ein zentrales Anliegen von PRAISE ist, die sozialen Regeln des Lobens zu verstehen. Denn nicht jedes Lob ist willkommen. Wer jemanden lobt, der moralisch weit über einem steht, kann schnell herablassend wirken. Ein Millionär, der einer Spenderin von 20 Franken zu ihrer Grosszügigkeit gratuliert, verfehlt den Ton. «Beim Lob spielt die soziale Stellung eine grosse Rolle», sagt Willemsen. Andererseits wäre es auch eigenartig, wenn jemand eine andere Person für ihren vorbildlichen, klimaneutralen Lebensstil loben würde, während er oder sie selbst sich nicht um Klimafragen kümmert. «Es ist ein moralischer Akt, aber auch ein sozialer Tanz», sagt Willemsen. Zu viel Lob kann ins Manipulative kippen, zu wenig als Kälte erscheinen.
Die Philosophin interessiert sich dafür, wann Lob als ehrlich, angemessen und wann es als unangebracht empfunden wird – und sie untersucht, welche Gefühle dabei eine Rolle spielen. Dank und Bewunderung, aber auch Stolz und Scham: In all diesen Gefühlen zeigt sich, wie fein abgestimmt unser moralisches Sensorium ist.
Moral bedeutet nicht nur Kontrolle
Auf den ersten Blick könnte man meinen, Loben sei eine Nebensache, eine freundliche Geste ohne grosse philosophische Bedeutung. Doch genau diese Vorstellung will Willemsen korrigieren. «Wenn wir das Gute nur als Abwesenheit des Schlechten begreifen, entgeht uns, was Moral eigentlich leisten kann.»
Lob zeige, dass wir fähig sind, andere nicht nur für ihr Fehlverhalten zu verurteilen, sondern für ihre Güte zu würdigen. Es erinnert uns daran, dass Moral nicht nur Kontrolle bedeutet, sondern Anerkennung, Ermutigung, Gemeinschaft. Und vielleicht – so die Hoffnung der Philosophin – trägt ein besseres Verständnis des Lobens auch dazu bei, dass wir einander wieder etwas grosszügiger begegnen. Nicht mit falscher Freundlichkeit, sondern mit echtem Respekt.