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Interdisziplinär studieren

Abenteuer Sprachen

Wie entstanden die Sprachen? Und wie werden wir in Zukunft kommunizieren? Ein neues Master-Studienprogramm an der UZH geht diesen Fragen nach – in einer einzigartigen fachlichen Breite.
Adrian Ritter
Brücken schlagen zwischen Linguistik, Biologie, Informatik, Hirnforschung und Philosophie: Teilnehmende des neuen interdisziplinären Master-Studienprogramms «Evolutionäre Sprachwissenschaft». (Bild: Diana Ulrich)

Pommes frites machen nicht nur satt, sondern können auch zum Verständnis der chinesischen Sprache beitragen: Denn aus den Stäbchen lassen sich Schriftzeichen formen. Seraina Betschart liess sich bei einem Mittagessen auf diese Weise einige Prinzipien des Chinesischen erklären – von einer chinesischen Kommilitonin.

Die beiden sprachbegeisterten Studentinnen nehmen seit Herbst 2025 am Masterstudiengang «Evolutionäre Sprachwissenschaft» teil. Ihr Spiel mit den Pommes war nicht nur Vergnügen, sondern zum gegenseitigen Nutzen. Die Chinesin hatte Seraina Betschart um Hilfe bei einer Programmieraufgabe gebeten: Es ging darum, einen Aspekt der chinesischen Sprache mit einem Computerprogramm zu analysieren. Kein Problem für Betschart, die im Bachelor Computerlinguistik studierte hatte. Doch um der Kommilitonin helfen zu können, musste sie erst die Struktur der chinesischen Sprache besser verstehen – mit Hilfe der Pommes.

So viele Sprachen wie möglich lernen

Seraina Betschart
Studentin

Das Mittagessen war eine Win-Win-Situation. Die chinesische Studentin erhielt Unterstützung und Seraina Betschart sagt: «Ich möchte ohnehin so viele Sprachen wie möglich lernen.» Eine zusätzliche Sprache lernen: Was bei anderen Menschen nach einem halbwegs ernstgemeinten Neujahrswunsch tönt, ist für sie ein zentraler Inhalt ihres Lebens. Neben allen Schweizer Landessprachen begann sie vor einigen Jahren, zusätzlich Estnisch zu lernen – zur Abwechslung eine ganz andere Sprachfamilie. Aktuell steht zudem Arabisch weit oben auf der Liste der Sprachen, die sie als nächste angehen möchte.

Interdisziplinärer geht es kaum

Auch sonst möchte Seraina Betschart möglichst viel über Sprachen lernen: Wie kam der Mensch zur Sprache? Wie unterscheiden sich tierische und menschliche Sprachen? Und wie werden wir wohl in Zeiten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz in Zukunft miteinander und mit Maschinen reden? Genau diese Fragen stehen im Zentrum des Master-Studienprogramms «Evolutionäre Sprachwissenschaft», der an der UZH seit dem Herbstsemester 2025 neu angeboten wird. Das zweijährige Studienangebot ist als Monomaster ohne Nebenfächer konzipiert. Angesiedelt ist das Programm am Institut für interdisziplinäre Sprachevolutionswissenschaft der UZH.

Das Wort «interdisziplinär» trifft dabei den Kern der Sache. So breit die Fragestellungen des Studiengangs sind, so breit ist er auch fachlich aufgestellt. Die linguistische Forschung am Institut findet schon seit Jahren in enger Zusammenarbeit mit Biologinnen und Biologen der UZH statt. Dabei wird etwa gemeinsam erforscht: Inwiefern entwickeln sich die Sprachen der Welt parallel zur Genetik des Menschen?

Interdisziplinäre Breite, wie sie wahrscheinlich sonst weltweit kaum an einer Universität zu finden ist

Paul Widmer
Direktor des Studienprogramms

«Mit dem neuen Master heben wir die Kooperation mit anderen Fachrichtungen nochmals auf ein ganz anderes Niveau – und das auch in der Lehre», sagt Paul Widmer, Programmdirektor des Studiengangs. Neun Fachrichtungen der UZH sind darin eingebunden, von der Philosophie über die Mathematik und Informatik bis zur Hirnforschung. «Es ist ein Studiengang mit einer interdisziplinären Breite, wie sie wahrscheinlich sonst weltweit kaum an einer Universität zu finden ist», sagt Widmer. 

Von der Breite in die Tiefe

Vielfältig ist auch der Hintergrund der Studierenden. Es ist im ersten Durchgang eine kleine Gruppe von neun Studierenden. Ihre Muttersprachen sind Deutsch, Chinesisch, Hindi und Englisch. Zudem bringen die Studierenden verschiedene fachliche Bachelor-Studienhintergründe mit. Einige haben Linguistik studiert, andere Psychologie, Geschichte oder eben Computerlinguistik wie Seraina Betschart.

Für sie war die fachliche Vielfalt der ausschlaggebende Grund, sich für den Master zu entscheiden: «Ich möchte meine linguistische und computerorientierte Perspektive aus dem Bachelor um die naturwissenschaftliche Sichtweise ergänzen.» Es sei eindrücklich, wie sich die Fragestellungen und Methoden dabei immer wieder gegenseitig bereicherten. So berichtete ein Verhaltensforscher im Unterricht davon, wie er versucht, die Sprachfähigkeit der Bonobo-Primaten per Machine Learning zu entschlüsseln.

Das Puzzle zusammensetzen

Dozierende wie Studierende betreten mit dem Lehrgang Neuland. «In jeder Lehrveranstaltung gilt es, herauszufinden und auch zu erfragen, welche Kenntnisse die Studierenden bereits mitbringen», sagt Piera Filippi, wissenschaftliche Koordinatorin des Studiengangs. Je nach Fragestellung und fachlichem Hintergrund wissen die Studierenden über einen Aspekt sogar mehr als die Dozierenden. Der gegenseitige Austausch ist zentral, deshalb müssen sich alle bemühen, verständlich zu kommunizieren», so Filippi. Ein gemeinsames Verständnis der Begriffe, Methoden und Ziele über alle beteiligten Disziplinen zu schaffen, kann harte Arbeit sein.

Klare Schwerpunkte im Studium legen

Piera Filippi
Wissenschaftliche Koordinatorin des Studienprogramms

Eine weitere Herausforderung des neuartigen Angebotes ist es, eine Balance zu finden zwischen der Breite der Fachrichtungen und der nötigen Vertiefung. «Die Teilnehmenden sollen beim Abschluss nicht wenig von allem wissen, sondern klare Schwerpunkte im Studium legen», sagt Filipi. So sind sie aufgefordert, zwei fachliche Schwerpunkte zu setzen und diese in der Masterarbeit zu kombinieren.

Welche Akzente dies für sie sein werden, weiss Betschart in ihrem ersten Master-Semester noch nicht. Mit ihren Vorkenntnissen in Informatik und Mathematik kann sie sich aber eine bestimmte Richtung vorstellen: Sprachen und ihre historische Entwicklung mithilfe von Datenanalysen vergleichen. Erst einmal heisst es für sie aber noch: sich einen Überblick verschaffen über die Fülle der Fragestellungen, Fachrichtungen und Forschungsansätze. «Die Herausforderung ist es, die einzelnen Teile zu einem Gesamtbild zu formen – wie bei einem Puzzle», sagt Betschart.

Enge Begleitung

Dabei werden die Studierenden nicht allein gelassen. «Weil das Studium neu und aussergewöhnlich ist, ist die Betreuung der Studierenden umso intensiver», sagt Koordinatorin Filippi. In Einzelgesprächen werden die Studierenden dabei unterstützt, für sie passende Kursmodule und später eine Fragestellung für die Masterarbeit zu finden.

Gut eingebunden sind die Studierenden auch in die Forschung. Dabei hilft, dass am Institut für interdisziplinäre Sprachevolutionswissenschaft der nationale Forschungsschwerpunkt «Evolving Language» angesiedelt ist. Dies erlaubt es, die Studierenden schon früh in die interdisziplinären Forschungsprojekte einzubeziehen.

Im Master-Studienprogramm «Evolutionäre Sprachwissenschaft» geht es auch um Tierkommunikation. Seraina Betschart zeichnet Laute von Erdmännchen auf, einer besonders kommunikativen Tierart. (Bild: Diana Ulrich)

Welchen Weg will sie nach dem Studienabschluss einschlagen? Seraina Betschart weiss es noch nicht. Sie hofft, auch in der späteren Berufstätigkeit interdisziplinär arbeiten zu können. Umgekehrt sagt Programmdirektor Paul Widmer: «Der Arbeitsmarkt muss den neuen Studiengang und die einzigartigen Kompetenzen der Studierenden erst noch kennenlernen.» Möglich ist vieles. Die Bandbreite reicht von sprachhistorischer Forschung bis zur klinischen Behandlung von Sprachstörungen.