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Erziehungswissenschaft

«Ich möchte einfach ein wenig Frieden»

Was brauchen ukrainische Kinder, die vor dem russischen Angriffskrieg in die Schweiz geflüchtet sind, um sich wohlzufühlen? Eine ausgezeichnete Studie des Instituts für Erziehungswissenschaft hat die Kinder direkt gefragt.
Brigitte Blöchlinger
Jieun (14) floh 2022 mit ihren beiden Schwestern und der Mutter aus der Ukraine in die Schweiz. Sie bräuchte «einfach ein wenig Frieden», um sich ganz wohlzufühlen. Die Zeichnungen entstanden alle im Rahmen der Studie.

«Dass wir nicht miteinander sprechen können, heisst ja nicht, dass wir nicht was zusammen tun können», findet Artyom, ein 11-jähriger Junge aus der Ukraine, der mit seiner Mutter 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine in die Schweiz geflüchtet ist. «Dann gehen wir halt zusammen Fussball spielen.»

Artyom ist eines von 23 Kindern im Alter von acht bis vierzehn Jahren, die an der Studie des UZH-Instituts für Erziehungswissenschaft über ihr Wohlbefinden Auskunft gegeben haben. Die Forscherinnen sprachen mit den Kindern ab Sommer 2022, wenige Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs. In qualitativen Interviews erkundigten sie sich, wie es ihnen in der Schweiz ergehe und wie Beziehungen, Dinge und die Wohnsituation zu ihrem Wohlbefinden in der neuen Heimat beitragen. Einen Teil dieser Studie publizierten zwei der Forscherinnen – Anne Carolina Ramos und Andrea Riepl – 2025 unter dem Titel «Children’s well-being in times of war: analysing the importance of family through home, objects and relationships» und erhielten dafür im gleichen Jahr den David Morgan Prize.

Artyoms Anpassungsfähigkeit ist keine Ausnahme, ordnet Catrin Heite ein, Professorin für Sozialpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der UZH und Leiterin des SNF-Projekt WoKidS. Es zeigte sich, dass die geflüchteten Kinder bis auf wenige Ausnahmen trotz traumatischer Erlebnisse ihre Handlungsfähigkeit bewahren konnten und aktiv ein neues Zuhause in der Schweiz zu schaffen versuchten.

«Die Kinder hatten Kriegsgewalt gesehen und wurden von ihren Liebsten getrennt», ergänzt Andrea Riepl, wissenschaftliche Assistentin und Doktorandin bei Catrin Heite. «Doch sie sassen nicht niedergeschlagen in ihren provisorischen Unterkünften, wie man sich vorstellen könnte, sondern fingen rasch an, ihren Alltag in der Schweiz aktiv zu gestalten.» 

Neue Freund:innen finden

Für die geflüchteten Kinder war es wichtig, dass sie rasch neue Freund:innen fanden. Dabei zeigten sie eine grosse Handlungskompetenz, wie sie die fehlende sprachliche Verständigung kompensieren konnten – indem sie rausgingen und mit Gleichaltrigen etwas unternahmen. Die Jüngeren spielten zum Beispiel zusammen oder machten Teamsport, die Älteren wollten andere kennenlernen und mit ihnen Zeit verbringen. «Das gemeinsame Tun verbindet stark, und es entsteht ein Gefühl von Zugehörigkeit», erzählt Andrea Riepl. «Viele erzählten, dass die neuen Bekannten ihnen dann auch mal in der Schule halfen, wenn sie etwas nicht verstanden.»

Bis auf wenige Ausnahmen fanden die geflüchteten ukrainischen Kinder recht gut Anschluss in der Deutschschweiz, hat die Studie gezeigt. «Sie versuchten, das Leben zu nehmen, wie es ist, und sich anzupassen», so Riepl.

Sich ein Zuhause schaffen

In der Ukraine hatten die meisten der befragten Kinder ein eigenes Zimmer gehabt und in grösseren Wohnungen oder Häusern mit ausreichend Privatsphäre gelebt. In der Schweiz teilten sie sich ein Zimmer mit der Mutter und den Geschwistern, einige wohnten privat bei Bekannten oder in Gastfamilien, andere in Kollektivunterkünften. Entsprechend vermissten die Kinder in den beengten Wohnverhältnissen in der Schweiz ihre Privatsphäre. Einen Rückzugsort zu schaffen, wo sie sich wohlfühlten, trug wesentlich zu ihrem Wohlbefinden bei. So richtete sich die 9-jährige Elena kurzerhand unter dem Bett ihre kleine private Höhle ein. Lera kam auf die Idee, sich auf dem Flohmarkt für wenig Geld Puppen zu kaufen, die sie auf ihrem Bett platzierte, um es persönlicher zu gestalten; diese Investition in ihr Wohlbefinden trug den finanziellen Beschränkungen der Familie Rechnung. «Die Kinder nutzten im Rahmen des Möglichen ihre Handlungsspielräume», sagt die Co-Autorin und damalige Postdoktorandin Anne Carolina Ramos.

Mit Verlusten umgehen

Ein grosses Thema in den Erzählungen der Kinder waren die Verluste, die sie mit der Flucht aus der Ukraine erlebten. Insbesondere, dass sie ihren Vater und ihre Grosseltern hatten zurücklassen müssen, schmerzte sie, selbst wenn sie regelmässig per Video-Call mit ihnen reden konnten. Sie erzählten von Todesfällen in der Familie, vom Zurücklassen des alten Zuhauses, von den Dingen oder Haustieren, die sie nicht hatten mitnehmen können und von Bekannten, die in ein anderes Land geflüchtet waren. Die Tatsache, dass viele liebgewonnene Menschen nicht mehr Teil ihres Alltags waren, bedrückte sie.

Die Überlegung von Elena (9), dass es ihr besser gehen würde, wenn es allen Tieren und Menschen auf der Welt gut ginge, ist verbreitet unter Kindern. Doch Elenas Wunsch hat einen Kriegshintergrund: Sie sorgt sich um die vielen Haustiere, die geflüchtete Familien in der Ukraine zurücklassen mussten. Am liebsten würde sie alle bei sich aufnehmen.

Als Notlösung nutzten die meisten Kinder die digitalen Medien, um in Kontakt zu bleiben. Sie sprachen per Video-Call mit ihren zurückgelassenen Verwandten und Bekannten, Freundinnen und Freunden, Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins. «Aber nicht alle Kinder können Technologien zur Kommunikation nutzen, da einige Grosseltern möglicherweise nicht in der Lage sind, digitale Geräte zu verwenden, und einige Väter aufgrund ihres Kriegseinsatzes keinen regelmässigen Kontakt aufrechterhalten können», sagt Ramos. «Die Kinder zeigten sich also handlungsfähig unter Bedingungen, die sie belasteten und weiter belasten werden.»

Nähe und Präsenz sind wichtig

Entsprechend ist die Präsenz der Mutter zentral für ihr Wohlbefinden, führt Anne Carolina Ramos aus. Die Mutter in der Nähe zu wissen, körperliche Nähe aufsuchen zu können, gibt ihnen das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Kontinuität in der Liebe. Die Anwesenheit der Mutter und jene der Geschwister trugen wesentlich dazu bei, dass sich die Kinder in der Schweiz wohlfühlten.

Gleichzeitig spürten viele Kinder auch, dass ihre Mutter bedrückt war. Da auch die Mütter mit den Belastungen des Krieges zurechtkommen mussten, standen sie nicht immer uneingeschränkt als verlässliche Zufluchtsorte und Trostspenderinnen, die sich zuverlässig der kindlichen Sorgen annahmen, zur Verfügung. «Die befragten Kinder sagten zum Beispiel: Ich bin jetzt mehr für meinen kleinen Bruder, für meine kleine Schwester da, und begleite ihn oder sie», erzählt Ramos. Sie hat beobachtet, dass die Kinder untereinander sehr fürsorglich agieren und zum Teil elterliche «Rollen» übernehmen. Auch spielen sie häufiger als in der Ukraine mit ihren Geschwistern, aus dem Bedürfnis, für sie da zu sein, aber auch, weil die alten Freundschaften weggefallen sind.

Unterstützendes Umfeld

Beim «Home-Making» in der Schweiz half den geflüchteten Kindern auch, dass sie in ihrem Umfeld die Erfahrung machten: Ich bin hier willkommen, es gibt Leute, die mir mit offenem Interesse entgegentreten, sagt Heite. Die Kinder trafen im neuen Land auf viel Gutes, begegneten Leuten, die ihnen wohlgesonnen waren und sie unterstützten – eine Lehrperson, die sie förderte, ein Mitschüler, der ihnen half, eine Trainerin, die ihnen Freude an einer Sportart vermittelte. «All das ist für die Kinder sehr wichtig, um sich wohlzufühlen», so Heite. Aus ersten losen Kontakten können Freundschaften entstehen – was wiederum den Erwerb der fremden Sprache befördert.

Auch Dinge gehören zu einem Zuhause

Gegenstände sind für Kinder wichtig, um sich zuhause zu fühlen, sagt Riepl. Sie vermitteln ihnen ein Stück Normalität im neuen Alltag und schaffen eine Verbindung zu früheren Erfahrungen und zur Familie.  Der 9-jährige Roman musste zum Beispiel sein Lieblingskuscheltier in der Ukraine zurücklassen – in den qualitativen Interviews erzählte er überglücklich, dass ihm eine Bekannte den Plüschbär in die Schweiz bringen wird. Nika verlor während der Flucht in die Schweiz den Rucksack mit ihrem wichtigsten Kuscheltier, was sie sehr betrübt. Die 14-jährige Aline trägt jeden Tag ein Armband ihrer Mutter und fühlt sich so mit ihrer ukrainischen Familie verbunden.

Ein eigenes Zimmer, Freunde in der Nachbarschaft, einen Fussballplatz in der Nähe: Roman (9) musste vieles in der Ukraine zurücklassen, was ihm wichtig ist.

Gerade bei jüngeren Kindern können Gegenstände so lebendig wie Menschen oder Tiere sein, sie reden mit ihnen und vertrauen ihnen ihre tiefsten Geheimnisse und Sorgen an. «Doch ist das Wohlbefinden, das durch sie entsteht, nicht statisch, sondern fluid und kann sich rasch ändern», sagt Riepl. Neue Dinge können zu neuer Heimat werden.

Herausfordernde Gemenge-Lage

Die ukrainischen Kinder in der Schweiz befanden sich 2022 in einer herausfordernden Gemenge-Lage, fasst Studienleiterin Catrin Heite zusammen. Einerseits erlebten sie weiterhin Schutz und Fürsorge, hielten soziale Beziehungen aufrecht, knüpften neue Kontakte und erfuhren dadurch Handlungsfähigkeit und Autonomie. Doch gleichzeitig mussten sie ihre Nächsten in der Ukraine zurücklassen, vermissten sie, wollten bei ihnen sein und sie nicht verlieren. Trotz dieser schwierigen Situation fühlten sich die Kinder, mit denen das Studien-Team gesprochen hatte, tendenziell gut aufgenommen in der Schweiz, sagt Heite. «Sie konnten den Prozess des «Home-Makings» recht gut ausgestalten.»